Kirill Petrenko wird Philharmoniker-Chef: erste Reaktionen : "Eine hervorragende Wahl"

Kirill Petrenko übernimmt bei den Berliner Philharmonikern. Kollegen und Kulturpolitiker reagieren entzückt. Auch der noch amtierende Philharmoniker-Chef Sir Simon Rattle zeigt sich zufrieden.

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Simon Rattle und Kirill Petrenko.
Der Alte und der Neue: Simon Rattle übergibt den Dirigentenstab bei den Philharmonikern an Kirill Petrenko.Foto: Tim Brakemeier / Victoria Bonn-Meuser / dpa

Sir Simon Rattle ist hocherfeut über seinen Nachfolger Kirill Petrenko als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Er bewundere ihn seit Jahren, erklärte Rattle kurz nach der offiziellen Bekanntgabe der Neuigkeit. "Ich gratuliere den Berliner Philharmonikern zu dieser zukunftsweisenden Entscheidung.”

Schon am Montagnachmittag folgten erste Reaktionen auf die kurzfristig anberaumte Pressekonferenz. Prompt meldete sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller zu Wort, er nennt das Votum "eine hervorragende Wahl". Er freue sich "mit den vielen Freundinnen und Freunden der klassischen Musik darauf, dass Petrenko ab 2018 die große Dirigententradition der Berliner Philharmoniker fortsetzen und das einzigartige künstlerische Profil dieses großartigen Orchesters weiter schärfen wird. Damit kehrt der russische Dirigent nach Berlin zurück, wo er mehrere Jahre als Generalmusikdirektor der Komischen Oper tätig war und große Erfolge feierte. Auch unter dem Dirigat von Petrenko werden die Philharmoniker zu den weltweit renommiertesten Botschaftern der Kulturmetropole Berlin gehören."

Klaus Bachler hofft auf eine Übergangszeit für den Wechsel Petrenkos von München nach Berlin

Kurze Zeit später folgte Kulturstaatsministerin Monika Grütters: "Eine schöne Überraschung, eine glänzende Wahl und ein starkes Signal. Kirill Petrenko zeichnet sich durch ein vielseitiges Repertoire und eine unverwechselbare klare musikalische Handschrift aus. Er wird ein sensibler Kulturbotschafter des Weltklasse-Orchesters sein und ist ein sehr würdiger Nachfolger in einer großartigen Dirigententradition.“

Als einer der ersten gratulierte auch Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, Kirill Petrenko zur Berufung nach Berlin. Ein Glückwunsch mit einem bezeichnenden Zusatz: „Gleichzeitig freue ich mich, dass Herr Petrenko und ich gemeinsam eine vom Bayerischen Kultusminister angebotene Vertragsverlängerung an der Bayerischen Staatsoper anstreben“, erklärte Bachler. Von bayerischer Seite stellt man sich eine Art fließenden Übergang vor - man will den Dirigenten nach Ablauf seiner Vertragszeit 2018 wenigstens noch eine Zeitlang an der Isar halten. "In der Welt der Kunst und der Musik ist vieles denkbar", sagte ein Sprecher des bayerischen Kunstministeriums. Die verschiedenen Engagements etwa von Marris Jansons, Chefdirigent der BR-Symphoniker, oder Okwui Enwezor vom Münchner Haus der Kunst auch an anderen Orten zeigten, dass es "solche Modelle in der Praxis gibt". Offenbar wird im bayerischen Kultusministerium über eine Interimszeit mit schrittweisem Wechsel nachgedacht, zum Beispiel bis 2020.  

Obwohl Müllers Glückwunsch etwas anderes vermuten lässt, steht der genaue Zeitpunkt von Petrenkos Amtsantritt in Berlin noch nicht fest - vielleicht kommt es ja tatsächlich zu einer Interimszeit. Anders als bei anderen international renommierten Chefdirigenten-Posten war es bisher allerdings nicht üblich, dass ein Chef der Berliner Philharmoniker parallel noch einen weiteres wichtiges Amt ausübt.

Dietmar Schwarz von der Deutschen Oper Berlin nennt Petrenko einen Universaldirigenten

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper Berlin, nutzt die Gelegenheit, eine Lanze für den deutschen Musiktheaterbetrieb zu brechen. Petrenkos Karriereweg sei "ein Beweis für die ungebrochene Fähigkeit des deutschen Theatersystems, große Begabungen zu entdecken und zu fördern", teil Schwarz mit. "Denn so wie früher Karajan und Furtwängler, hat auch Petrenko sein Handwerk als Kapellmeister am deutschen Stadttheater gelernt und ist unter den Bedingungen des Theaterbetriebs mit seinen vielfältigen musikalischen Herausforderungen zum großen Dirigenten von Oper und Sinfonik herangereift". Das Votum des Orchesters nennt Schwarz die bestmögliche Wahl, da die Philharmoniker "keinen Spezialisten" bräuchten (ein Seitenhieb auf den lange als einen Favoriten gehandelten Christian Thielemann), sondern "einen Universaldirigenten, der Bach und Moderne, Mozart und Wagner, Bruckner und Sibelius gleichermaßen auf höchstem Niveau interpretieren kann. Und sie brauchen einen Dirigenten, der dafür steht, die Klassische Musik weiter ins 21. Jahrhundert zu tragen." 

Deutsche Medien kommentierten die Entscheidung des Orchesters in ersten Reaktionen positiv. Nach der Wahlschlappe des Orchesters Anfang Mai hatte es harsche Kritik gegeben, vor allem die sozialen Netzwerke reagierten mit Häme - mit Ausnahme des TV-Talkers Harald Schmidt, der für die Kulturnation noch Hoffnung hegte, so lange es einen heftig nachgefragten Hashtag "Berliner Philharmoniker" gebe. Leise Skepsis ist bislang aus Großbritannien zu vernehmen. In seinem Internetblog fragt der renommierte britische Musikpublizist Norman Lebrecht "Why Petrenko?". Der 43-Jährige sei fraglos ein brillanter, für das beste musikalische Ergebnis kämpfender Dirigent. Aber er sei "außerhalb Deutschlands unbekannt und ausgesprochen scheu". Mit dem neuen Amt werde sich Petrenko ändern müssen, "und zwar schnell".

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