„Kirschblüten und rote Bohnen“ von Naomi Kawase : Drei Mal klopft die alte Frau

Japanische Imbiss-Kunst: „Kirschblüten und rote Bohnen“ von Naomi Kawase ist ein schöner, berührender Film über das Unsichtbare.

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Die erfahrene Köchin Tokue (Kirin Kiki).
Die erfahrene Köchin Tokue (Kirin Kiki).Foto: Neue Visionen

Er hat einen Schritt wie King Kong am Morgen. Die Japaner stehen, vorsichtig gesagt, nicht in Verdacht, die Anmut des Laufens erfunden zu haben, aber in Sentaros Fall handelt es sich doch weniger um einen Gang als um ein Symptom. Und das bei voller Kirschblüte! Und das, wenn er am frühen Morgen zum ersten Mal in die weißen federleichten Frühlingswolken schaut.

Sentaro führt einen kleinen Imbiss, in dem er von morgens bis abends Dorayaki macht. Das sind kleine Pfannkuchen, die mit einer süßen Bohnenpaste gefüllt werden. Der Imbissmann (fertig mit sich und der Welt: Masatoshi Nagase) hasst Süßspeisen.

Er hat unlängst ein kleines Schild an seine Tür gehängt: „Aushilfe gesucht!“ Wenigstens ein paar Stunden am Tag will er nicht auf diese einfältigen, blassen Teigstücke schauen müssen, die sofort anbrennen, wenn man sie nur einen Moment aus den Augen lässt. Und wer meldet sich auf seinen Aushang? Eine alte Frau. Er hatte „Aushilfe“ geschrieben, nicht „Pflegefall“. Natürlich hat er sie wieder weggeschickt.

Es wird ununterbrochen gegessen

Nach „Unsere kleine Schwester“ ist „Kirschblüten und rote Bohnen“ der zweite japanische Film dieses Monats, in dem ununterbrochen gegessen wird, während draußen die Kirschbäume blühen. Und ebenso wie in „Unsere kleine Schwester“ handelt „Kirschblüten und rote Bohnen“ von dem, was wir nicht sehen, was keine Kamera zeigen kann.

Naomi Kawase hat mit "Kirschblüten und Bohnen" gewiss einen der schönsten, berührendsten Filme dieses Jahres über das Unsichtbare gemacht. Oder nein, ein wenig sichtbar ist es schon: Am Ende läuft Sentaro anders.

Die Alte ist wiedergekommen. Er hat sie wieder weggeschickt. Schon immer, hat sie gesagt, habe sie in einem solchen Laden arbeiten wollen. Sie wolle auch fast kein Geld. Böse Feen und alte Frauen kommen drei Mal. Beim dritten Mal bringt sie selbst gemachte „Bohnenpaste mit Stückchen“ mit, die Sentaro sofort in den Mülleimer wirft. Aber er holt sie wieder raus, er riecht, er probiert ... Tokue ist eingestellt.

Ab sofort beginnen Sentaros Tage lange vor dem Morgengrauen, denn eine gute Bohnenpaste zu kochen, braucht Zeit. Es ist auch gut, mit ihnen zu sprechen, denn es war ein weiter Weg bis in unseren Topf. Und dann wird Sentaros kleiner Imbiss beinahe überrannt. Bis irgendwann niemand mehr kommt. Da sind Beulen an Tokues Händen, sie hat sie nie verborgen. Und er hat sich nichts dabei gedacht. Andere schon ...    

Das Drehbuch entstand in der Bibliothek des Sanatoriums für Leprakranke

Naomi Kawase hat "Kirschblüten und rote Bohnen" nach dem Roman von Durian Sukegawa gedreht. Sie schrieb das Drehbuch in der Bibliothek des Sanatoriums für Leprakranke "Tama Zenshoen" bei Tokyo. Es ist noch nicht lange her, dass Japan die Pflicht zur Selbstausstoßung aus der Gesellschaft für Leprakranke aufgehoben hat. Natürlich hat Sentaro seine Mitarbeiterin nach Hause geschickt. Aber wie soll er das aushalten?

Die wunderbare japanische Schauspielerin Kirin Kiki spielt die Frau, die für einen Augenblick wissen möchte, wie das wohl gewesen wäre: ein normales Leben.

"Kirschblüten und rote Bohnen" ist ein großartiger Jahresend- und Jahresanfangsfilm. Er zeigt, wie alles gut wird, wenn nichts gut wird. Und darum geht es doch immer.

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