Kultur : Klagenfurter Wörtherseebühne: Die Haider-Connection

Kai Müller

In Kärnten war die Verwunderung groß, als Landeshauptmann Jörg Haider kürzlich die "Privatisierung" der Klagenfurter Wörtherseebühne bekannt gab und Elmar Ottenthal, Intendant des Berliner Theaters des Westens, als neuen künstlerischen Leiter vorstellte. Auf einer eilig einberufenen Präsentation wurden Video-Splitter der Berliner Produktionen "Falco meets Amadeus" und "Schweijk it easy" gezeigt und das kommerzielle Potenzial des zum deutschen Musical-Guru erklärten Intendanten in höchsten Tönen gepriesen. Obwohl "Schweijk" am Theater des Westens noch gar nicht herausgekommen war. Wie Michael Großschedl in Vertretung des Betreiber-Konsortiums erklärte, sei Ottenthal für sie "der führende Musical-Man in Europa, der auch ohne Subventionen Theater machen kann." Den Fragen der verdutzten Journalisten stellte sich Haider, der auch das Amt des Kärntner Kulturreferenten inne hat, nicht.

In Berlin ist die Verwunderung nicht weniger groß. Wie kommt es, dass Rechtspopulist Haider ausgerechnet Ottenthal als Gewährsmann für eine Kommerzialisierung der Seebühne präsentiert? Einer Spielstätte, die 1999 auf Betreiben des Event-Politikers als dritte große Freiluftbühne Österreichs im Wörthersee installiert wurde, seither als Millionengrab gilt und nun überstürzt an eine ominöse deutsch-österreichische Betreibergesellschaft verkauft werden soll. Will sich Haider mit Ottenthals Hilfe eine Bühne für öffentlichkeitswirksame Auftritte verschaffen? Bezahlt der Berliner Steuerzahler am Ende für Musical-Produktionen, die Haiders Ansehen als kultureller Wohltäter stärken?

Was auf den ersten Blick wie eine österreichische Provinzposse aussieht, könnte für den Intendanten des Theaters des Westens erhebliche Konsequenzen haben. Der gebürtige Innsbrucker weist jegliche Verbindung zu Haider weit von sich. Gegenüber der Klagenfurter "Kleinen Zeitung" ließ Ottenthal verlauten, die Seebühne sei "eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen kann", und kündigte "Welturaufführungen" im Stile des Salzburger "Jedermann" an: "Ich will keine reinen Gastspiele. Langfristig, das heißt ab 2004 oder 2005, können eigene Produktionen möglich sein."

Obwohl Ottenthal die künstlerische Verantwortung dafür gar nicht zu übernehmen gedenkt, kommen solche Sätze der Kärntner Landesregierung wie gerufen. Die nämlich steht unter massivem Rechtfertigungsdruck. So platzte die Nachricht vom Seebühnen-Verkauf in die Endproben für ein "Evita"-Musical, mit dem das Klagenfurter Stadttheater die gewaltige Panorama-Bühne in den Sommermonaten bespielen will. Die umgerechnet 4,3 Millionen Mark teure Eigenproduktion unterstreicht die Ambition des Intendanten Dietmar Pflegerl, jedes Jahr "eine auf hohem künstlerischen Niveau stehende Attraktion" zu stemmen. Nun fühlt er sich "brutal abserviert" von Haider. Der hatte ihn zum Seebühnen-Engagement überhaupt erst gedrängt.

FPÖ-Sprecher Karl Heinz Petritz verteidigt den undurchsichtigen Deal mit der finanziellen Entlastung des Landes, das "keinerlei Risiken mehr trägt". Außerdem sei das Stadttheater nicht in der Lage gewesen, die 2000 Personen fassende Bühne den ganzen Sommer über zu bespielen und für dessen jährliche Leasingrate (500 000 Mark) aufzukommen. Auch das nötige Marketing-Know-How habe gefehlt. In der Landesregierung träumt man statt dessen vom Ansturm des internationalen Publikums, von 560 Busunternehmen, einer Saison von Mai bis September und anhaltenden Schönwetterperioden. Elmar Ottenthal übernimmt in diesem Planspiel die Rolle des kommerziellen Musical-Pioniers - obwohl sein Berliner Haus im Jahr mit 20 Millionen Mark subventioniert wird.

Die SPÖ meldet derweil Zweifel an der Rechtschaffenheit der neuen Eigentümer an. So wurde ihr von Haider auf Anfrage erklärt, dass Einzelheiten über die Wörtherseebühnen Betriebs-, Vertriebs- und Verwertungsgesellschaft nicht mitgeteilt werden könnten, da diese sich "erst in Gründung befindet". Dazu passte, dass auch die Kärntner Hypo Bank, derzeitiger Eigentümer des etwa sieben Millionen Mark teuren Schwimmpontons, von der Verkaufsabsicht des Landes noch gar nicht unterrichtet worden war. Dass aber eine aus öffentlichen Mitteln finanzierte Kulturstätte ohne Ausschreibung an private Investoren verkauft werden soll, will die SPÖ nicht hinnehmen.

Zudem nähren die Haiderschen "Geheimverhandlungen" den Verdacht, dass es sich bei der Firma um Gefolgsleute des FPÖ-Politikers handelt. Der hatte in der Vergangenheit mit ansehen müssen, wie der einstige "Intimfeind Pflegerl" ("Kurier") ihm sein Geschenk an die Landsleute zunehmend entzog. Schon bei der "Rocky Horror Show"-Premiere des Stadttheaters wäre es im letzten Jahr beinahe zu einem Eklat gekommen, als Haider zum Schlussapplaus mit einem Blumenstrauß die Bühne erklomm und das Ensemble geschlossen zurückwich. So mag der um sein kulturpolitisches Schmuckstück bangende Regent einen Weg ersonnen haben, wie er der Region eine Touristenattraktion erhalten und sich in ihr sonnen kann. Anders ist das blinde Vertrauen Haiders in die Kompetenz des Konsortiums nicht zu erklären. Treuhänder Michael Großschedl gibt zu, dass die Gesellschafter keine Musical-Experten sind, sondern lediglich Unternehmer, die ein profitables Geschäft erwarten. Mit welchen Musical-Produktionen das gelingen soll, wissen, Großschedl zufolge, "Berater im näheren Umfeld".

Ottenthal zeigt sich gegenüber dem Tagesspiegel überrascht, dass sich hinter seinem Partner eine Firma verbirgt, die lediglich auf dem Papier exisitiert. Denn während Großschedl, der die Firma erst am 19. Mai in Graz amtlich eintragen ließ - vier Tage nach Bekanntgabe des Verkaufscoups -,fieberhaft nach möglichen Gesellschaftern suchte, lagen bereits unterschriftsreife Gastspielverträge mit dem Theater des Westens vor. Durch sie wollte Ottenthal seinen immer knapper werdenden Etat (Bedarf 2001: ca. 35 Millionen Mark) ausbalancieren und Einsparungen im Berliner Haushalt vorbeugen. Daraus werde allerdings nichts, legt Ottenthal sich fest, sollten die Betreiber der Wörtherseebühne nicht über die nötige Kompetenz verfügen und sich als Haiders Strohmänner entpuppen: "Mir wurde versichert, dass es nicht so ist."

Eine Schlüsselrolle bei der Einfädelung der Haider-Connection nimmt Sigmund Karlbacher ein, Unternehmer und Mäzen, der sich bereits vor zehn Jahren für das Seebühnen-Projekt engagierte und auch zu Ottenthal Beziehungen unterhält. Wie dem Tagesspiegel aus sicherer Quelle bekannt wurde, soll Haider auf Vermittlung Karlbachers nach Berlin gereist sein, um im Theater des Westens "Falco meets Amadeus" zu begutachten. Im Gegenzug begab sich Ottenthal, der die Wörtherseebühne nur aus "Fotos und Plänen" zu kennen behauptet, Anfang März nach Klagenfurt. Dort traf er mit dem Landeshauptmann im Restaurant "Oskar" zusammen. Angesichts solcher Kontakte wirken Ottenthals Beteuerungen, mit Haider nichts zu tun zu haben, wenig glaubhaft. Kenner der Kärntner Politik warnen davor, dass Ottenthal in die Verlegenheit geraten könnte, Haiders Wunsch, sich als kultivierter Mensch darzustellen, den Boden zu bereiten. Das hat er schon getan.

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