Klassik : Sie wollen ja nur spielen

Laien mit Leidenschaft: Ein Probenbesuch beim Sinfonie Orchester Schöneberg.

Frederik Hanssen

„Jaggadaggada! Ich brauche an dieser Stelle mehr Jaggadaggada!“, ruft Stanley Dodds. „Jeder einzelne Ton muss seine Aufmerksamkeit bekommen!“ Die Cellisten beugen sich über ihre Instrumente, wiederholen zum dritten Mal dieselbe Stelle aus Schuberts „Unvollendeter“. Es ist heiß im Probenraum – dabei spielt das Sinfonie Orchester Schöneberg erst seit einer halben Stunde. Doch wo unter einer niedrigen Decke 70 Menschen dicht an dicht vor Klapp-Notenständern sitzen, wird der Sauerstoff schnell knapp. Auf die Idee sich zu beklagen, käme trotzdem niemand. Denn sie sind ja freiwillig hier, weil ihre Musikbesessenheit sie dazu treibt, sich am frühen Sonntagmorgen mit Gleichgesinnten zu versammeln. Außerdem kostet das Turmzimmer keinen Cent Miete.

Für ein Liebhaber-Ensemble ist das ein ziemlich schwerwiegendes Argument. Seit sich eine Gruppe Klassikliebhaber, die dem Jugendorchesteralter entwachsen war, 1993 zum Sinfonie Orchester Schöneberg formierte, darf man im Rathaus des Bezirks proben, zunächst im Souterrain, seit ein paar Jahren nun im Turmzimmer, drei Etagen über dem Balkon, von dem einst John F. Kennedy seine legendären Worte in die Menge gerufen hat.

Sie sind Berliner und kommen aus allen Teilen der Stadt. Unter der Woche arbeiten sie als Lehrer, Ärzte, Tonmeister oder Journalisten. Seit Kindertagen lieben sie ihre Instrumente – und haben sich dann doch, aus dem einen oder anderen Grund, gegen die Musikerlaufbahn und für einen soliden Beruf entschieden. Vor allem aber gehören sie zu einer Altersgruppe, die sonst in den Auditorien von Konzertsälen und Opernhäusern wenig zu finden ist. Zwischen 30 und 50 Jahren, erklären die Intendanten dieses demografische Loch, haben die Leute eben anderes zu tun: Kinder und Karriere statt Kunst und Kultur.

Um so erstaunlicher, wenn man bei der Probe des Sinfonie Orchesters Schöneberg auf mitteljunge Menschen trifft, die sich Zeit nehmen für die Klassik. Und die sich gerne von ihrem Dirigenten Stanley Dodds hart anpacken lassen. Ohne mit der Wimper zu zucken, lassen sie Kommentare über sich ergehen wie „Ganz unbeteiligt ist auf jeden Fall falsch!“. Und wollen wissen, wie sie welches Detail in Schuberts „Unvollendeter“ besser machen können – und kriegen es tatsächlich im vierten Anlauf auch hin. „Die Stücke sind immer zu schwer, die Probenzeit ist immer zu knapp“, beschreibt die Klarinettistin Kathrin Buchholz das Prinzip, nach dem hier gearbeitet wird. Statt sich regelmäßig an einem Tag der Woche zu treffen, setzt man auf konzentrierte Arbeitsphasen, meistens inklusive Wochenendausflug ins Umland. Da wird dann nicht nur acht Stunden am Tag mit der ganzen Truppe probiert, da packen die Musiker danach auch noch die Kammermusik-Noten aus und musizieren in kleinen Formationen bis spät in die Nacht weiter. Wer aus privaten Gründen mehr als drei Proben nicht wahrnehmen kann, darf beim jeweiligen Programm nicht dabeisein.

Der „Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester“ verzeichnet allein in Berlin 23 Mitglieder, vom Ärzte-Orchester über das Homophilharmonische Kammerorchester bis zu den Otto-Sinfonikern. Die Dunkelziffer der in der Hauptstadt aktiven Dilettantenensembles dürfte noch um einiges höher liegen. Tausende Menschen, die regelmäßig ihre Notenmappe packen, um in ihrer Freizeit Mozart, Beethoven und Tschaikowsky zu spielen. Sie sind der Humus der Musikszene, vielleicht noch mehr als die Jugendorchester. Sie tragen dazu bei, dass Leute, die zuvor wenig oder gar nichts mit der Klassik zu tun hatten, erstmals einen Konzertsaal betreten – ganz ohne Hemmungen, weil auf der Bühne einer sitzt, den sie kennen. Sie sind das Äquivalent zu den Literaturzirkeln und Salons, die überall in der Hauptstadt im Verborgenen blühen, sie übertragen das Prinzip der Hausmusik auf die große Form. Ihre größte Freude ist es, aus dem Geschwindigkeitsrausch des Alltags herauszutreten, um sich gemeinsam in eine Sache zu vertiefen.

Nur durch Herausforderungen kommt man weiter. Schließlich führt das Sinfonie Orchester Schöneberg all seine Programme im großen Saal der Philharmonie auf. „Die Organisation ist wirklich straff“, bestätigt Stanley Dodds anerkennend. „Das imponiert mir.“ Dass sich die ehrgeizigen Hobbymusiker an die ganz schweren sinfonischen Brocken wagen, macht es ihnen aber auch leichter, gute Dirigenten zu finden. Vor allem Mitglieder der Berliner Philharmoniker, die sich neben ihrem Instrumentalistenjob eine Zweitkarriere aufbauen wollen, haben sich in den letzten zehn Jahren hier die Klinke in den Hand gegeben: Da war zunächst der Posaunist Hermann Bäumer, inzwischen Generalmusikdirektor am Theater Osnabrück. Ihm folgte der Bratschist Henrik Schaefer. 2006 wurde dann Stanley Dodds zum Musikchef gewählt. Der 39-jährige Geiger bekommt zwar keine Gage, dafür aber die Chance, sich mit einer hoch motivierten Truppe ein Repertoire aufzubauen und für die Arbeit mit Profiorchestern fit zu machen. Eine echte Win-Win-Situation.

Am heutigen Sonntag um 16 Uhr tritt das Sinfonie Orchester Schöneberg zusammen mit der Berliner Domkantorei in der Philharmonie auf. Infos: www.sos-ev.de

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