Klaus Heinrich zum 85. : Der Genius von Dahlem

Klaus Heinrichs Vorlesungen sind Legende. Wenn es so etwas gibt wie eine Berliner Bewusstseinsgeschichte, so hat Heinrich, Religionswissenschaftler und Mitgründer der Freien Universität, sie geprägt. Jetzt wird er 85.

von
Klaus Heinrich, 1979.
Klaus Heinrich, 1979.Foto: Uli Paulun

Sartre war schon wieder weg. Aber seine „Fliegen“ flogen weiter. Klaus Heinrich wird immer darauf beharren, dass sie sirrten. Und dieses Sirren spaltete erst die Stadt, dann die Universität. Damals, im Winter 1948 war Berlin der Vorhof des Existenzialismus, wird er sagen. Natürlich hatte der Student der Linden-Universität Jürgen Fehlings Inszenierung der „Fliegen“ gesehen. Wahrscheinlich kam ihm gleich der Verdacht, dass die Fliegen das Volk sein müssen. Wahrscheinlich kam dem Volk, soweit es ins Theater ging, der gleiche Verdacht – das machte es sehr wütend. Nur der Student war über die Maßen fasziniert.

Wäre dies ein Vortrag, würde man an dieser Stelle vielleicht verlangen, der Redner solle zur Sache kommen. Vielleicht ist es ein wenig wie in Klaus Heinrichs Vorlesungen. Irgendwann fragte man sich: Und was hat das jetzt mit dem Thema zu tun? Um schon im nächsten Augenblick zu wissen: Alles! So war das, über Jahrzehnte. Nie wurden seine Hörer enttäuscht. Die immer wiederkehrende Erfahrung lautete: Das scheinbar Entlegene ist das Zentrale. Wenn es so etwas geben sollte wie eine Berliner Bewusstseinsgeschichte, so hat Klaus Heinrich, Religionswissenschaftler und Mitgründer der Freien Universität, sie geprägt.

Seit wann prägen Professoren öffentliches Bewusstsein?, fragen nicht nur die Studenten von heute. Die Antwort lautet: bis gestern. Oder war es vorgestern? Am Freitag feiert er seinen 85. Geburtstag, aber die Institution, auf die er all seine Hoffnung gesetzt hatte, die ihn überdauern sollte, gibt es nicht mehr. Sie heißt noch Freie Universität, aber das täuscht. Der Gründungs-Geist ist ausgezogen. Sie ist nicht mehr dieselbe. Aber Klaus Heinrich ist noch derselbe.

Er wohnt direkt unter dem Himmel über Berlin. Ein gläsernes Penthouse auf zwei Etagen; Mitte der achtziger Jahre hat er es mit seiner Frau bezogen. Damals fragte der Architekt besorgt, wie sie beide allein denn so viel Platz füllen wollten. Inzwischen geht es ihm wie den meisten, die Bücher in ihre Wohnungen gelassen haben. Jetzt wohnen die da. Und die Papiere. In unendlich vielen Stößen liegen sie aufgeschichtet. Er überblickt die Lage noch immer mit der Miene des Feldherren. Er weiß genau, wo was liegt. Das Heinrich’sche Gedächtnis. Es scheint zu ihm zu halten, wie immer.

Ein Pult brauchte er nicht, weder um sich daran festzuhalten noch um etwas daraufzulegen. Er hatte nichts, nicht die kleinste Notiz. Er sprach vollkommen frei. Aber was da im großen Hörsaal des Henry-Ford-Baus oder im John-F.-Kennedy-Institut über eineinhalb Stunden zu hören war, waren mitnichten lose Improvisationen über ein Thema. Es war: pure geistige Präsenz, ein Vortrag, so dicht entwickelt, dass die Studenten irgendwann dazu übergegangen waren, heimlich unterm Tisch Tonbandaufnahmen zu machen, denn so konnte man das nicht mitschreiben, und auch nicht so schnell.

Er trug gerade das Gegenteil von dem vor, was Logik und Wissenschaft nun schon seit mehr als zweitausend Jahren lehren, nämlich dass „das Dritte“ ausgeschlossen sei – auch „Satz von der Identität“ oder „Satz vom Widerspruch“ genannt. Heinrich las Formen als Inhalte. Er bewies, immer wieder aufs Neue: Tertium datur, das Dritte ist gegeben. Was ohne Widerspruch ist, ist tot. Es kommt darauf an, die Brüche zu denken.

Ist er sehr gehasst worden? Ein Kaum-Lächeln zeigt sich in seinem Gesicht, das nun schnell zum offenen Lachen wird: „O ja, sehr.“ Dabei gibt es schwerlich einen friedfertigeren, höflicheren, ausgleichenderen Menschen als ihn. Schon sein Griechisch-Lehrer hat ihm auf die Füße gespuckt. Dem „Vaterlandsverräter“, angeklagt wegen Wehrkraftzersetzung und Defätismus. Damals war er fünfzehn. Er hatte mit drei anderen Flakhelfern auf seinem Turm gestanden, am Geschütz. Er sah auf die brennende Stadt. Er sah die Bomben fallen und dachte laut darüber nach, wie viele Angriffe es noch brauchen würde, bis der Aufstand beginnt.

Er hörte noch die Worte, die sein Vater einst zur Pro-Hitler-Tante sagte: Sie würde sehen, am Ende weiden die Ziegen am Potsdamer Platz. Und jetzt schien alles so zu kommen wie sein Vater, der Direktor der Agfa-Film Export, gesagt hatte. Eigentlich wollten sie längst in New York sein. Sein Vater sollte dort Direktor von Kodak Film werden, aber die Mutter meinte, sie könne ihre Schwester nicht allein lassen.

Die nächsten Jahre? „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich sterbe, aber auch nicht, dass ich den Krieg überlebe“, sagt Heinrich. Das gab ihm diese ungeheure Freiheit danach, eine hellwache Schwerelosigkeit in „Zorn und Fieber“, der nichts entging. Das gab ihm die Freiheit, an einem Februarabend 1948 aufzustehen und ans Rednerpult zu treten, womit kein Mensch gerechnet hatte – er am wenigsten. Die Saalwächter waren wohl nicht minder verblüfft als er selbst, aber im nächsten Augenblick war es bereits zu spät. Da sprach er schon.

Der brandenburgische Ministerpräsident hatte einen marxistischen Vortrag gehalten, in dem er „Die Fliegen“, ihren Autor, ihren Regisseur sowie den Existenzialismus als die wahren Volksfeinde entlarvt hatte. Nun stand er vorn, einer der ersten und jüngsten Studenten der Universität Unter den Linden, gerade zwanzig Jahre alt, und hielt den Gegenvortrag. Noch in derselben Nacht wird der Student denunziert. Und gewarnt. Nur Monate später wird die Freie Universität gegründet, ein Provisorium, von dem wenige glauben, dass es seinen Anfang überdauern wird.

Was ist die Aufgabe einer Universität? Heinrich wiederholt auch heute seine Antwort: „der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben.“ Eine Universität gründen, den Geist emanzipieren. Und „Gründung ist ein mythologischer Begriff. Das Gegründete steht seit Urzeiten.“ Wir sind immer schon drin in der Geschichte, der Religionsgeschichte. Was Emanzipation meint, formuliert er schöner und genauer zugleich: Selbstfreigabe. Kein abstrakter Marsch ans Licht, wie die Aufklärung meinte, sondern ein immer erneuertes Bündnis, wie jenes, das Gott mit dem Volk Israel schloss, oder genauer: das Volk Israel mit dem Gott, den es sich als Gott schuf.

Für Heinrich sind die großen Religionen vor allem eins: kollektive Selbstverständigungsunternehmen der Gattung, und jede sprach ihr angstbesetztes „Fürchtet Euch nicht!“.

Macht Licht im Dunkeln! Über die Jahrzehnte hinweg bot sich in Dahlem das gleiche Bild. Der Campus lag schon im Dunkeln, aber in der schönen Gründungsvilla der Freien Universität, in die Mitte der sechziger Jahre das Religionswissenschaftliche Institut einzog, brannte noch Licht. In der Boltzmannstraße 4 hatte jeder Zutritt, genau wie zu Heinrichs Vorlesungen. Sie waren öffentliche Ereignisse, sein Hörsaal bis zuletzt Wallfahrtsort. Hier saß Rudi Dutschke neben katholischen Theologen. Undenkbar, jemand wäre in die Vorlesungen des Mitgründers der Freien Universität gekommen, um einen Schein zu machen. Es gibt keine Scheine für Selbst- und Welterkenntnis.

Die Selbstabschaffung der Freien Universität ist vielleicht Heinrichs schwerste Enttäuschung.

Der bestmögliche Wissenschaftler heute lässt sich einfach definieren: Es ist der weitestgereiste mit der längsten Publikationsliste. Klaus Heinrich aber hat Berlin-Dahlem fast nie verlassen, vielleicht, weil einer, der wirklich etwas zu sagen hat, nicht in alle Welt fahren muss: Die Welt wird schon zu ihm kommen. Im Streit über seine Habilitationsschrift wäre beinahe die Philosophische Fakultät zerfallen. Die Kommission zählte am Ende zwanzig Mitglieder, eins wollte ihn gar für geisteskrank erklären lassen, das Verfahren dauerte zwei Jahre. Die Schrift hieß „Versuch über die Schwierigkeit, nein zu sagen“ und erschien am Ende bei Suhrkamp zwischen Benjamin und Adorno.

Religio: Rückbindung an den Ursprung. Der Ursprung ist die Herkunftshöhle. Aber ist nicht jeder Großstädter schon allen Höhlen entronnen, zumal wenn er wie er auf dem Dach wohnt? „Auch was wir Architektur nennen, sind Höhlen – ins Licht gebaut“, sagt Heinrich und durchmisst seine Lichthöhle. Tausende Kilometer hat er so schon zurückgelegt und dabei seine Vorlesungen entworfen. Sie erscheinen als „Dahlemer Vorlesungen“ im Stroemfeld-Verlag, nach den Tonbandmitschnitten seiner Studenten. Vierzig Bände werden es einmal sein.
„Einladung in eine Geburtstagshöhle: Manfred Bauschulte, Luca Giuliani und Norbert Miller unterhalten sich mit Klaus Heinrich“; 24. November, Akademie der Künste, Hanseatenweg, 18 Uhr.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben