Klaus Theuerkauf : Kein Respekt für niemand

Blech und Nasenflöten: Der Kreuzberger Maler und Musiker Klaus Theuerkauf kultiviert den rebellischen Gestus.

Richard Rabensaat
Krawall-Kollegen. Klaus Theuerkauf und sein Porträt von Joseph Beuys. Foto: Thilo Rückeis
Krawall-Kollegen. Klaus Theuerkauf und sein Porträt von Joseph Beuys. Foto: Thilo Rückeis

James Dean rast auf den Betrachter zu. Er ist reichlich verbeult. Einige Rohre, ein wenig Blech, ein angedeutetes Gesicht – fertig ist eine Menschmaschine aus Schauspieler und Porsche Spyder 550. Am 30. September 1955 blieb von dem Wagen nur ein Blechhaufen übrig. Die Skulptur von Klaus Theuerkauf hat dennoch einen unverkrampft heiteren Grundzug. Der ist typisch für sein Werk, das jetzt im Freien Museum in der Potsdamer Straße zu sehen ist.

„Ich wurde schon früh mit allerlei Narrheiten konfrontiert“, sagt Theuerkauf bei einem Treffen in der Ausstellung. Seine Mutter sei Karnevalspräsidentin in Ingelheim gewesen. Den vierjährigen Klaus steckte sie in ein Eskimokostüm, weil er sie bei ihrem kabarettistischen Liedervortrag begleiten sollte. Theuerkauf hatte allerdings schon damals eine heftige Wollallergie, der Abend geriet zur Qual. Der Zusammenhang von heiterer Kunst und unmittelbarem Körpereinsatz sollte Theuerkauf auch später gelegentlich zu schaffen machen: „Die Ratten- Jenny hat sich nicht nur mit Kippenberger, sondern auch mit mir geprügelt.“ Es sei wohl irgendwie um Kunst gegangen bei der alkoholgeschwängerten Diskussion in einer Kreuzberger Kneipe, so genau weiß er das nicht mehr.

Theuerkauf und seine Galerie Endart haben die Kunst der achtziger Jahre in Berlin mit geprägt. Die Vernissage der Ausstellung sei ein „Rendezvous des Amis“ gewesen, von Freunden, die sich teilweise zehn Jahre nicht gesehen hätten, erzählt Theuerkauf. Einige waren offensichtlich mittlerweile so prominent, dass das Gästebuch geklaut wurde.

Theuerkauf und seine Galerie Endart gehören zur Oranienstraße wie die rituellen Krawalle am ersten Mai zu Kreuzberg. Relikte der alljährlichen Straßenaufläufe bilden auch den Unterboden einer mehrteiligen Installation: „Das ist ein abgefackelter Container, und darauf Angela Merkel“. George Bush, Adolf Hitler, Marx, Engels, Lenin, Beuys, alle behandelt Theuerkauf in seiner Kunst gleich – und zwar völlig respektlos. Das heilige Dreigestirn des Kommunismus mutiert zu Weihnachtsmännern, Beuys ist halb Mensch, halb Totenkopf.

Häufig paart sich in den Bildern die Respektlosigkeit mit politischen Themen und bitterböser Satire, wobei der Künstler gerne auch eindeutigen Sex darstellt. Auf der Holzcollage „Die Idealfrau“ findet eine Fellatio statt. „Das fanden alle ziemlich sexistisch, bis sie sahen, dass das Bild auch als Rassismuskritik gelesen werden kann“, erklärt Theuerkauf. So einfach über das Sofa hängen lassen sich die Bilder nicht, dazu ist ihr Gestus zu rebellisch.

„Wir waren mit Endart 15 Jahre voraus“, findet der 1957 geborene Künstler und bezieht sich dabei auf einen gegenwärtig recht bekannten Künstler, der ebenfalls allerlei Popkulturelles durch seinen kreativen Fleischwolf dreht. Allerdings ist Theuerkauf schon länger dabei und niemand kann ihm unterstellen, dass er bei seiner ausufernden Produktion den Kunstmarkt im Blick hätte.

Begonnen hat alles mit der Gründung des Künstlerkollektivs Endart, in der Oranienstraße 36 am 13.6.1980, erinnert sich Theuerkauf noch ganz genau. 1978 war er vor der Bundeswehr nach Berlin geflüchtet und hatte angefangen, Italienisch, Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren. Italienisch spricht er auch heute noch fließend.

Kunst habe er machen und viel über Kunst wissen wollen, aber auf die Kunstakademie wollte er nicht. Da würden doch nur Speichellecker ausgebildet, das sei nichts für ihn. Kunst müsse wahrhaftig und manchmal auch boshaft sein. Ganz verschont blieb Theuerkauf von der Kunsthochschule dann aber doch nicht, 1991 erhielt er an der HdK einen Lehrauftrag. Endart war da schon recht bekannt, wenn auch kommerziell eher randständig.

Auf zahlreichen Bildern malte der Liedermacher und Komiker Funny van Dannen mit. „Wir wollten den Geniekult zertrümmern und haben darum alle zusammen gearbeitet.“ Die Gruppe fand viel Beachtung, auch in den Medien, wobei das Echo geteilt war. Das Künstlerkollektiv brach schließlich auseinander, als Einzelne sich dann doch profilieren wollten. „Endart war wie Lava, erst sehr heiß und beweglich und dann wurde es starr.“

Die Abneigung gegen Geniekult und Selbstdarstellungsposen ist Theuerkauf geblieben. Gleichzeitig schwärmt er für Max Ernst und Alfred Jarry, auf dessen groteskes Drama „König Ubu“ er in seinen Werken häufig anspielt. Mittlerweile wird er auch bei einigen Sammlern geschätzt: „Ich kann von meiner Kunst leben, wenn auch nicht üppig.“ Kinder sind nicht zu versorgen, obwohl er seit 15 Jahren in einer „eheähnlichen Beziehung lebt“.

Den Lehrauftrag kündigte der Maler seinerseits. „Angehende Lehrerinnen zu unterrichten, die doch nichts mit Kunst am Hut haben, keine Leinwand aufspannen können und nur einen Professor heiraten wollen, das war nichts für mich.“ Wenig vorteilhaft sei auch die Verbindung von heiler Charlottenburger Welt und Häuserkampf in Kreuzberg gewesen, an dem sich Theuerkauf in Demonstrationen und Prügeleien mit der Obrigkeit beteiligte. „Mittlerweile sehe ich ja ein, dass die Polizei dazu da ist, damit sich nicht alle zerfleischen“, sagt er.

In den frühen neunziger Jahren, als Endart endgültig das Zeitliche gesegnet hatte, gründete der Musik- und insbesondere Jazzliebhaber Theuerkauf das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester. In verrauchten Kellern oder auch auf großen Bühnen von Jazz-Festivals blasen bis zu 30 Männer enthusiastisch in ein Gerät, das über Nase und Mund gestülpt ist. Dabei erzeugen sie einen infernalischen Klang, der mit jedem Dudelsackorchester mithalten kann. Klassiker der Rockmusik von Uriah Heep oder Status Quo werden gnadenlos durchgepustet. Das ist witzig, schräg und auch ein bisschen rebellisch – genau wie Theuerkaufs Bilder.

Klaus-Theuerkauf-Retrospektive im Freien Museum Berlin, Potsdamer Str. 91, bis 6.2., Mo–Sa 12–19 Uhr, So 15–18 Uhr

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