Kultur : Klavierstunde mit Mick Jagger

Es soll ja Menschen geben, die sich über die Maßen für Popmusik interessieren, aber von den Rolling Stones gerade mal ein Album besitzen, in der Regel „Sticky Fingers“ oder „Exile On Main St.“ aus den frühen siebziger Jahren. Diese Menschen werden gern schief angeschaut oder als Ignoranten beschimpft, kontern das aber mit der Frage: „Wer waren nochmal die Stones? Eine gute Rockband aus den Siebzigern, oder?“

Ob so eine Haltung was taugt oder gar glücklich macht? Sicher ist, dass Menschen wie die Stones-Ignoranten etwas ganz anderes ignorieren: Popmusik ist klassisch geworden. Da stellt sich nicht die Frage, ob es sich für einen fast Siebzigjährigen wie Mick Jagger geziemt, „I can’t get no satisfaction“ zu singen. Sondern wie er es dieses Mal singt, in was für einer Version, mit was für Begleitgimmicks etc. Und da stellt sich genau so wenig die Frage, ob so ein Musiker, wie alt, abgehalftert, legendär oder überlebensgroß er nun sein mag, noch einmal eine neue Band und gleich eine Supergroup gründen muss. Sondern eher: Warum hat Jagger jetzt erst eine gegründet?

SuperHeavy heißt die Band. Ihre Mitglieder neben Jagger sind die junge Soulsängerin Joss Stone, der Marley-Sohn Damian, der indische Komponist A.R. Rahman sowie der seinerzeit mit den Eurythmics berühmt gewordene Musiker, Komponist und Produzent Dave Stewart, der mit Jagger schon 2004 ein Album einspielte. Der Zeitpunkt der Verkündung dieses Bandprojekts, dessen erstes Album Mitte September herauskommen soll, ist gut gewählt. Denn im Sommer bevölkern die alten Pop- und Rockhelden die Freiluftbühnen der Republik. Jeder Sommer ist inzwischen ein Klassikrocksommer. Auf dass wirklich keiner auf den Gedanken komme, dass die Welt diese Jaggersche Superband gar nicht braucht.

Interessanter ist die Zielsetzung von SuperHeavy: als Musiker mit dem unterschiedlichsten Background von Soul über Reggae bis Bollywood zusammen Songs zu schreiben und einzuspielen. Das zumindest ist sehr modern. Denn die globale Popmusik kennt keine Genregrenzen mehr. Der Stilmix ist das Gebot der Zeit, der Rückgriff auf Traditionen ohne Gegenwartsanspruch. „Eine Rockband zu gründen, ist heute wie Klavierstunden nehmen“, schrieb der Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen in einem Aufsatz über „Das unkomische Ende der Popmusik“. Er bezog sich dabei auf junge Menschen, die Bands gründen. Es gilt aber auch für Jagger & Co.

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