Kultur : Kleiner Tod, großer Tod

Es gibt Themen, die wird es einfach immer geben.Trotzdem machen sie immer wieder neugierig.Wie wäre es mit "Sex und Wahnsinn"? "Ein Titel darf nicht zu wissenschaftlich klingen", erklärt "interfilm"-Festival-Chef Heinz Hermanns."Vielleicht lag die Wahl auch an meiner letzten Freundin." Immerhin bietet das 14.internationale Kurzfilmfestival vom 8.bis 13.12.das Thema gleich in 230 Variationen an.90 Beiträge konkurrieren um Preise, die eine Jury vergibt, in der unter anderem Peter Lichtefeld ("Zugvögel.Einmal nach Inari") sitzt.Das kürzeste Filmchen dauert gerade 60 animierte Sekunden und trägt den Titel "A Death in the Life of a Pornostar".Ein graues Computer-Pärchen müht sich darin unter Stöhnen in einer Badewanne ab, während ein Filmteam das ganze detailiert festhält.Bis, ja bis eine Videoleuchte in die Wanne fällt: Ein Arbeitsunfall, bei dem der große Tod den kleinen einfach überholt hat.Lapidar und komisch.

Ein Nischendasein als "kleiner lustiger Film" jedoch, der nur die Stimmung für den Hauptfilm anheizen soll, lehnt Hermanns ab.Kurzfilme sind für ihn am besten in Kurzfilmprogrammen aufgehoben."Wenn mir die Hälfte davon dann nicht gefällt, gefallen mir immer noch 50 Prozent." Und so hat der Festival-Chef zehn Wettbewerbsprogramme gestrickt, sie heißen etwa "Begegnungen", "Lust und Last" und "Geschlechterkampf".Ausgewählt hat Hermanns die Festival-Filme aus 800 Einsendungen.Viele experimentelle Arbeiten wurden gleich wieder zurückgeschickt."Exotik allein ist kein Auswahlkriterium.Das ist zum Teil schon eine Frechheit, was hier eingeschickt worden ist." Schließlich sei man ja kein Studentenfestival.

Qualität, das ist Hermanns Lieblingsvokabel.Ein kleiner Vorab-Blick in das Programm bestätigt: Er hat sie gefunden.Etwa bei Nina Paleys Knete-Paar, daß sich auf seiner Couch in Liebe, Verrat, Rache und Versöhnung ergebt, ja vergeht, ineinanderfließt.Ein herrlich respektloses Spiel mit der Körpermasse und ihren Flüssigkeiten.Ganz anders Ulrike Schweigers eindringlich realistischer Fünfzehnminüter "Mißbrauch wird bestraft", der nach einer wahren Begebenheit die Vergewaltigung eines Mädchens in der U-Bahn schildert.Keiner der anderen Fahrgäste greift ein."Mißbrauch wird bestraft" steht an der Notbremse, die niemand zieht.Der Täter entkommt ungestraft.

Das Beiprogramm des "interfilm"-Festivals präsentiert historische Filmprogramme, die der New Yorker Filmhistoriker Dennis Nyback moderiert, etwa "The Birth of Betty Boob Sex and Insanity Show, 1930-33".Darüberhinaus wollen zwei Seminare in die Welt von Porno- und Gewaltfilmen einführen."Lust wird man danach nicht mehr haben", verspricht Hermanns.Einen um so lustvolleren Umgang mit Filmen und Filmchen verspricht "eject.Die lange Nacht des abwegigen Films." Im Club Meinblau (11.12., 21 Uhr, Christinenstraße 18/19) werden Filme gezeigt, die aus dem Festival-Rahmen fallen.Die Zuschauer können mit Hilfe eines kleinen Spiegels bestimmen, ob der Film weiterlaufen darf oder per "eject"-Taste rausfliegt.Wer will, kann sich auch in eine Videokabine zurückziehen.Oder sich an Videoinstallationen erfreuen.Bei der Gelegenheit: Das Thema des nächsten Jahres lautet übrigens "Zukunft und Ekstase".Interesse? UA

Eröffnung am 8.12., 20.30 Uhr im Haus der Kulturen der Welt.Programm vom 9.bis 13.12.in den Kinos Balázs, Central, Hackesche Höfe und Cinemaxx Colosseum

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