Kultur : König oder Bettler Nichts bleibt, was es ist: Marica Bodrozic

erzählt von Liebe, Reisen und Vergänglichkeit

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Müssen wir uns die Wirklichkeit nicht erst ausdenken, bevor sie das wird, eine Wirklichkeit?“ Eine Frage, wie sie jeder Erzähler sich zu stellen hat, doch selten auszusprechen wagt – Marica Bodrozic, oder soll man besser sagen, die Erzählerin, der sie ihre Worte leiht, kennt solche Skrupel nicht. Sie legt nicht nur in diesem Satz ihres Romans „Das Gedächtnis der Libellen“ die Karten auf den Tisch, um daraufhin das Spiel umso trickreicher neu zu mischen.

Wo sind wir, wenn sie uns durch Berlin, Paris, New York oder Dalmatien führt? In den meisten Romanen bleibt gewiss, dass auch reale Orte nie die Sphäre der Fiktion verlassen. Erst im 20. Jahrhundert änderte sich das, mit dem Zeitlupenblick Prousts, der Essayistik Musils, den Realien in André Bretons „Nadja“ – etwa der Fotografie des Augenpaars seiner Romanheldin. Mit ihr teilt Marica Bodrozics Protagonistin den Namen: Nadeshda. Aber zugleich gesteht sie als Erzählerin, dass er nur erfunden sei, genau wie der Name des Geliebten Ilja, um den ihre Gedanken kreisen. Wer Nadeshda und Ilja in Wirklichkeit sind, das erfahren wir nicht, nur von den Spuren, die sie an Orten wie einer Cappuccinobar Chicagos oder dem Italiener am Berliner Savignyplatz hinterlassen: „Ilja ist in meinem Leben aufgetaucht, wie Nadja in André Bretons Leben und in der Schrift (die das geschriebene Leben ist) aufgetaucht war. Ilja ist ein verheirateter Mann … Er sei dennoch frei, sagte er, aber alles, was Ilja sagte, schien vollkommen paradox zu sein. Das Wort paradox und das Wort verheiratet waren aber für mich rein theoretische Begriffe, etwas Greifbares wurden sie erst nach Iljas Verschwinden aus meinem Leben.“ Nämlich so, wie es später herrlich sarkastisch heißt: „Langsam kommt mir die Institution der Ehe wie eine Ergänzung zu André Bretons surrealistischem Manifest vor.“

Partien wie diese zeigen, dass „Das Gedächtnis der Libellen“ zweierlei einlöst, was einen guten Roman ausmacht: in Worten, auf die wir selber nie gekommen wären, unsere eigene Erfahrung widerzuspiegeln; und uns einen Horizont zu öffnen, der uns sonst verschlossen geblieben wäre. Bei der 1973 in Kroatien geborenen Marica Bodrozic durchdringt sich beides fortwährend. Die autobiografische Grundierung der früheren Bücher wie „Der Spieler der inneren Stunde“ oder „Sterne erben, Sterne färben – Meine Ankunft in Wörtern“ ist noch da, wird jedoch konsequent ins Imaginäre überspielt. Auf dem schmalen Grat zwischen Fabulieren und Faktizität, zwischen reflektierter und geträumter Welt beginnt Bodrozics Prosa in ihren schönsten Passagen zu balancieren, bis sie zwei Fußbreit über dem Boden schwebt: „Es gibt Menschen, die kommen in dein Leben und machen einen Bettler aus dir. Andere wieder verwandeln dich in einen König – die einen können nicht lieben, die anderen lieben dich so, dass du mal König, mal Bettler wirst, je nachdem, was das Leben gerade von dir will … Und das Leben packt dir die Koffer für beide Fälle, beides sollst du sein und lernen sollst du etwas über die Grenzen dazwischen, über die Menschen und ihre Hände, über die Fingerkuppen mit ihren Archiven aus Kindheiten, Wolken, Mutterküssen und Strandausflügen.“

Aber das Wunderbare an diesem Roman ist nicht die Präsenz realer Straßen, Kinos oder Bars, die den fiktiven Figuren mehr oder weniger zu handeln, sprechen, fühlen erlauben, sondern wie der Balkan imaginär in die realen Städte des Westens eingezogen ist: „Wie ist Arjeta von Paris nach Berlin gekommen? Wie alle Osteuropäer. Einfach so … Arjeta … schneidert hier bunte Röcke, Tücher, Hüte. Ich habe Glück, sie näht mir alle Kleider, die ich haben will. Ich denke sie mir aus, und sie denkt sie an den Stoffbahnen entlang in die Welt.“

Wie aber harmonieren der Geliebte Ilja, Nadeshda, ihre Freundin Arjeta und all die aus dem Leben der Erzählerin verschwundenen balkanischen Kindheitsfiguren wie der libellensammelnde unheimliche Vater, die von der Kommunistin zur Katholikin bekehrte Tante Filomena, die serbische Kuhmelkerin oder das ausgewanderte analphabetische Großelternpaar als Geschichte miteinander? Man darf nicht nach linearen oder kausalen Zusammenhängen im Gedächtnis der Libellen suchen, nicht umsonst hat die Erzählerin einmal Physik studiert. Fortlaufend wechseln Orte und Zeiten, in denen sich die Figuren in ständig neuen Konstellationen miteinander (er)finden und sich Nadeshdas Reflexionen wandeln. Nur eines verfolgt sie konstant: ihre Erinnerungen.

In einer wird sie Zeugin der letzten Worte ihres Onkels: „Das Leben ist eine Orange, meine Kleine, wenn du das nicht verstehst, wirst du immer unglücklich sein und am Ende allen Unglücks wirst du, und das ist das größte Unglück, unwissend sterben.“

Marica Bodrozic: Das Gedächtnis der Libellen. Roman.

Luchterhand Literaturverlag, München 2010. 256 Seiten, 19,99 €.

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