Kolonie Wedding : Ein Paradies für Nomaden

Lyrikmeile auf der Prinzenallee: Seit fünf Jahren bastelt die Berliner Kolonie Wedding ein Künstler-Netzwerk im Kiez. Entstanden sind kleine Kunstinseln wie der Poesie-Laden "Wortwedding".

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Her mistress' voice. Die Kunst im Wedding zieht jeden an. -Foto: Oliver Wolff

Vielleicht werden einmal Gedichte in der Tankstelle an der Prinzenallee hängen. Ausgesucht sind sie jedenfalls schon einmal. Nicola Caroli war eines Tages in die Tankstelle marschiert, hatte sie den jungen Mitarbeitern unter die Nase gehalten. Zuvor hatte sie mit dem sich sträubenden Besitzer noch gewettet. „Wetten, dass ihre Jungs mitmachen werden“, sagte sie siegessicher. Denn Nicola Caroli wettet nur, wenn sie weiß, dass sie gewinnt. Der Tankstellenbetreiber grummelte. Jetzt wird er Teil des „Printemps des Poètes“, eines Lyrikprojekts, das in diesem Jahr im Wedding stattfinden wird. Wenige Meter von der Tankstelle entfernt hat Nicola Caroli ihren Laden „Wortwedding“ eingerichtet.

Es ist ein Projektraum für Poesie – und Teil der Kolonie Wedding. Dahinter steckt ein loser Zusammenschluss von Galerien und Ateliers im Soldiner Kiez. Der Verein feiert in diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen. Und manchmal kleine Triumphe. In einer Gegend, die immer wieder als Problemkiez von sich reden macht. „Die ganze Prinzenallee wird eine Lyrikmeile“, verspricht die Poesievermittlerin.

Dreißig verschiedene Projekträume gehören zur Kolonie, darunter der „Balkan-Checker Number One“ wie ihn die anderen nennen, Jovan Balov und sein Laden „Prima Center Berlin“, in dem er immer wieder Austauschprogramme mit dem Kulturministerium von Mazedonien organisiert, oder Josef Vilser und Armin Kauker, die sich der durchgerosteten Laterne des Berliner Doms angenommen haben und aus dem Kuppelaufsatz nun ihre Kunst schaffen. Michaela Strumberger, die es aus New York hierher verschlagen hat.

Sie alle bilden ein unsichtbares Netz. Wer sich an seinen Fäden entlanghangelt, kommt vorbei an Spielotheken, Billig-Discountern und Dönerbuden. Am letzten Wochenende im Monat öffnen sich die Türen zu den Galerieräumen, es gibt geführte Spaziergänge. Den Besucher erwarten kleine Kunstinseln, in denen die Betreiber und ihre ausstellenden Künstler nur darauf warten, dass jemand hereinkommt. „Willkommen“, sagen sie zur Begrüßung. Und schütteln die Hand.

Immer wieder heißt es: Der Wedding, der kommt. Neben der Kolonie gibt es die Uferhallen mit ihren Künstlerateliers, in den Osram-Höfen haben sich die renommierten Galerien von Max Hetzler und Guido Baudach niedergelassen. Das ExRotaprint-Gelände in der Gottschedstraße empfängt immer wieder Delegationen von Stadtentwicklern aus dem Ausland, die etwas von den Gründern lernen wollen. Denn das Konzept sieht vor, dass sich Künstler, Werkstätten und soziale Einrichtungen das Areal der ehemaligen Druckmaschinenfabrik teilen.

„Der Elektriker fängt jetzt nicht an, sich deswegen für Kunst zu interessieren“, räumt Mitbegründer Les Schliesser ein. Aber die jungen Kreativen wollen den Bezirk nicht überrumpeln, sondern mit ihm leben. „Künstler sind Nomaden“, sagt Daniela Brahm, eine der Gesellschafterinnen. Die Welle schwimmt dorthin, wo es günstigen Arbeitsraum gibt. Aber der Wedding und seine Bewohner seien ein Anker, findet sie. Der Rahmenbauer Karo König auf dem Ex-Rotaprintgelände räumt regelmäßig seine Werkstatt für Ausstellungen frei. Dieses Mal heißt sie „Wahlverwandtschaften“. Kuratorin Carola Conradt hat lauter Arbeiten ausgesucht, die zwischenmenschliche Beziehungen thematisieren. Das passt zum Lebensgefühl im Bezirk. Weil sich alle Kunstschaffenden hier irgendwie von irgendwoher kennen, fühlt man sich wie im gemeinsamen Wohnzimmer. Bei Karo König gibt es für jeden Besucher eine Blume aus einem Hochzeitsstrauß. Und so stehen 50 Leute mit weißen Freesien und Schleierkraut im Knopfloch zusammen und betrachten Kunst. In Mitte wären es vielleicht mehr geworden. Aber dafür würde man die Gesichter am nächsten Tag nicht beim Spaziergang durch die Kolonie Wedding wiedertreffen.

Ins Leben gerufen wurde das Netzwerk als Initiative des Quartiermanagements zusammen mit Studenten der Kunsthochschule Weißensee, erzählt Michaela Strumberger, die auch im Vorstand des Vereins sitzt. Ladenräume, hoffnungslos leere Orte sollten bespielt werden. Die Berliner Wohnungsgesellschaft Degewo unterstützt das Projekt, indem es die Geschäfte zum Betriebskostenpreis vermietet. Nach drei Jahren wurde dann der Verein gegründet.

Streng genommen gibt es die Kolonie also bereits seit 2002. Darauf legen die, die schon am längsten dabei sind, Wert. Sie sind eben nicht eine von diesen Projekträumen in Berlin, die urplötzlich aus dem Boden sprießen und nach drei bis vier Monaten wieder schließen. Und, was die Mitglieder auch betonen, die 30 Läden und Atelierräume sind keine kommerziellen Galerien. Geld wird im Wedding keines gemacht.

Außer vielleicht bei Heiko Schmidt. Er ist vom Künstler zum Geschäftsmann geworden. Früher hatte er in der Kolonie ausgestellt, jetzt betreibt er ein Ladencafé auf der Prinzenallee, wo er edle Weine und Kamine verkauft. „Den Wedding kann man eben nicht so schnell hip machen. Der ist resistent“, sagt Schmidt. Auf seinem postgelben Lieferwagen klebt der Schriftzug „Kolonie Wedding“. Wenn er mit seinem Auto in andere Stadtteile fährt, dann ist er Botschafter für seine Freunde. Manchmal verkauft er ihnen auch einen Kamin. So wie Nicola Caroli für ihren Laden „Wortwedding“.

Dort hinein lotst der Führer die Rundgangsteilnehmer. Die japanische Künstlerin Maki Shimizu stellt Reime aus, wie „Ruhig blöd. Ruhig Blut.“ Sie schreibt mit Tusche auf lose Blätter und hängt sie an die Wand. „Wohnst Du in Berlin“, fragt der Führer die Künstlerin. „Ja“, sagt Maki Shimizu. „Aber in Neukölln.“ Sie lacht. Alle lachen. Während des vierstündigen Rundgangs hat man sich immer wieder darüber unterhalten, ob Wedding das nächste Neukölln wird.

Vernissagen und Rundgänge jeweils am letzten Wochenende des Monats, Termine unter www.koloniewedding.de

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