Kolumne "Einträge ins Logbuch" : Es fühlt sich an wie ein Verbrechen

Der Schriftsteller Deniz Utlu beobachtet in Italien Kinder beim Eisessen und alte Männer beim Automatenroulette. Warum er sich dabei beinahe schuldig fühlt.

Deniz Utlu
Idyll am Gardasee, wunderschön. Passt das überhaupt noch zum Zustand der Welt? Foto: Azienda di promozione turistica del Garda trentino/dpa/gms
Idyll am Gardasee, wunderschön. Passt das überhaupt noch zum Zustand der Welt?Foto: Azienda di promozione turistica del Garda trentino/dpa/gms

Ich habe mich unter die Touristen gemischt diesen Sommer. Mit Familien aus Deutschland, aus den Niederlanden und einigen wenigen aus Saudi-Arabien bin ich am Gardasee spazieren gegangen. Mit ihnen saß ich auf den Terrassen von Restaurants und habe über zerkochte Nudeln Käseimitat gestreut. Zusammen haben wir die Aufnahmekapazität der Gassen Veronas geprüft: Es war laut, es war voll, da waren Pudel. Die Kinder aßen Eis oder weinten. Die Eltern trugen kurze Hosen über bleichen Beinen. Braungebrannte Mädchen ließen sich fotografieren unter der Statue von Dante Alighieri.

Im Torbogen zum Haus von Giulietta Capuleti drängten sich die Massen. In der einen Hand Selfie-Sticks, in der anderen Hand Liebesbriefe, pilgerten sie zum berühmten Balkon Julias, der nachträglich von der Stadt für die Touristen angebracht worden sein soll. Eine Julia hat da vermutlich nie gewohnt, zumindest keine menschliche, denn vor der behördlichen Maßnahme handelte es sich hier wohl um einen Stall. Im Vorbeigehen versuchte ich mittels der Stochastik zu berechnen, wie viele dieser Julia-Pilger sich einmal aus Liebe das Leben nehmen würden. Ich kam zu dem unbegründeten Schluss, dass die Zahl sich in der Nähe von null befand, aber größer als null war.

Romeo und Julia und die übergroße Liebe. Geht es auch eine Nummer kleiner?

Ich zahlte die 17 Euro Parkgebühren und fuhr raus aus der Stadt. Einer Straße mit dem Namen Antonio Gramsci folgte ich in eine Kleinstadt. Sie war nicht besonders schön. Vor einer Art Kiosk hielt ich für einen Imbiss. In einem dunklen Hinterzimmer spielten alte Männer Automatenroulette. Vorne zockten sieben weitere im Kreis sitzend Karten. Ein Mann mit dem Rücken zur Gruppe las seine Zeitung. Er saß da wie angefroren: weder Kopf noch Hände bewegte er. Die einzige Regung: die Lippen beim Lesen. Zwischendurch machte er eine Pause, schlurfte vor die Tür und rauchte. In seiner Nähe las jetzt auch ich. Nicht die Zeitung und auch nicht Romeo und Julia, sondern „Zenos Gewissen“, einen Roman des italienischen Schriftstellers Italo Svevo. Zeno bringt sich nicht um aus Liebe. Er heiratet einfach die Schwester der Frau, die nicht viel für ihn übrig hat. Obwohl Svevo mich zum Lachen gebracht hatte, fand ich seine Beschreibungen verstörender als Romeo und Julia, deren absolute Entscheidung die Liebe über gesellschaftliche Belange stellt. Die Rollen, die die Gesellschaft für uns vorsieht, haben bei der Figur Zeno Cosini ein eigenes Leben, das sich unabhängig von seinen Gefühlen entwickelt. Er notiert sein Leben für eine Psychoanalyse und gibt seine fabulierende Selbst-Erzählung in dem Maße auf, wie er es gerade verkraftet.

Ich dachte an Mesale Tolu, Deniz Yücel und Peter Steudtner

Ich fuhr die Gramsci Straße zurück zu meiner Unterkunft. Der Journalist und Denker Gramsci hat sein machtkritisches Hauptwerk im Gefängnis verfasst, was mich daran denken ließ, dass ich in diesem Augenblick in der Türkei verabredet war. Meine Türkeireise hatte ich absagen müssen und war nach Oberitalien geflogen (nicht aus Gründen des Boykotts!). Ich bemühte wieder die Stochastik, um zu berechnen wie viele Spaziergänger am Gardasee wohl zwischen einer Türkei- und Italienreise abgewogen hatten – diesmal ohne Ergebnis. Mir kamen die Autoren in den Sinn, die dort jetzt im Gefängnis saßen. Mindestens fünfzig, laut Reporter ohne Grenzen. Darunter auch die Deutschen Mesale Tolu mit ihrem Kind und Deniz Yücel, der seit einem halben Jahr schon im türkischen Gefängnis sitzt. Seit einigen Wochen auch der Menschenrechtler Peter Steudtner. Ich fuhr durch die italienische Landschaft dem Sonnenuntergang entgegen, und es fühlte sich wie ein Verbrechen an.

Deniz Utlu ist Schriftsteller. Er schreibt seit Juni 2017 im wöchentlichen Wechsel mit Pascale Hugues eine Kolumne im Tagesspiegel am Samstag. Lesen Sie hier ein Porträt.

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