Kolumne "Hingehen" : Neuköllner Maientage: Rausch und Rummel

Sich mit Senf bekleckern, kreischend "Wilde Maus" fahren und noch Zeit für ein paar kulturhistorische Gedanken haben: Ein Loblied auf den Jahrmarkt

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Wer denkt da nicht an Orson Welles? Bild von den Neuköllner Maientagen.
Wer denkt da nicht an Orson Welles? Bild von den Neuköllner Maientagen.Foto: promo

Herrrreinspaziert, hier ist Stimmung, hier ist Action! Oder wie die als Bälleverleiherin getarnte Alltagsphilosophin in der Wurfbude sagt: „Es liegt bei euch. Wer nichts riskiert, gewinnt auch nichts!“ Genau so sieht’s aus. Im Leben wie vor den blanken Dosengebirgen ihrer Bude. Der Jahrmarkt, die Kirmes, der Rummel – das ist ein tausend Jahre altes Versprechen, ein Spiel mit Einsatz und Risiko. Scheppernd putzt jetzt einer mit beherztem Wurf alle Büchsen von der Platte. „Hauptgewinn“, ruft die Frau, „freie Wahl aus all den schönen Sachen!“ Der Sieger wählt flugs eine Minnie Mouse und zieht begeistert von dannen. Das Ding hat keinerlei ästhetische Qualitäten, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Sein Glück ist eine Plüschmaus.

Das gibt es nur auf dem Rummel. Trotz der Entscheidung, sesshafter Großstädter statt reisender Autoscooterbesitzer oder wenigstens „junger Mann zum Mitreisen“ geworden zu sein, berauscht einen dieser Ort immer noch derart, dass ein Besuch der Neuköllner Maientage in der Hasenheide alljährlich Pflichtprogramm ist. Besonders seit es unverständerlicherweise keine „Kreuzberger Festlichen Tage“ im Viktoriapark mehr gibt.

Hier durch die Völkerschaften wandern, die sich friedlich um Zuckerwatte und Liebesäpfel balgen, mit Senf bekleckern und kreischend „Wilde Maus“ oder „Super-Twister“ fahren – und schon zieht ein Filmbild nach dem anderen vorbei. Die Riesenradfahrt von Orson Welles und Joseph Cotton im „Dritten Mann“, das gleichmütig rotierende Karussell in Max Ophüls’ „Reigen“, Tod Brownings der Schaulust geopferte menschliche „Kuriositäten“ in „Freaks“ und Hans Albers, wie er das Rummelplatz-Ausruferlied „Komm auf die Schaukel, Luise“ singt. Durchschaukeln, verblüffen, auf den Kopf stellen – das ist immer noch Schaustellerprinzip, auch wenn es statt Schiffsschaukeln heute kombinierte Bunjee-Jumping-Trampolin-Wippen gibt, an denen freudig quiekende oder angstvoll jaulende Kinderlein baumeln. Gewiss, die Wasser-Achterbahn „Atlantis-Rafting“ ist ein Fahrgeschäft. Aber mit ihren rührenden Plastikpalmen und der Beschilderung ist sie auch Poesie. „Foto: 10 Meter“ verkündet das erste, gefolgt von „Jetzt lächeln“ mit Smiley-Emblem. Der Rummel, das ist des Lebens Talmi-Schein.

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