Kolumne Literaturbetrieb : Das Lektorenkarussell dreht sich

Im Verlagswesen geht es gerade zu wie im Fußball. Bei Hanser, Piper und Co. geben sich Geschäftsführer und Lektoren die Klinke in die Hand wie seit Jahren nicht mehr.

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Büchertisch von der Leipziger Buchmesse 2015.
Büchertisch von der Leipziger Buchmesse 2015.Foto: Peter Endig/dpa

Es war viel los in den letzten Wochen an der Säbenerstraße in München, bei den Bayern. Ancelotti wurde entlassen, Heynckes aus dem Ruhestand geholt, dazwischen wurde diskutiert, ob nun Nagelsmann, Tuchel oder Klopp neuer Bayern-Trainer wird. Fußball, Bayern München, das sogenannte Trainerkarussell – was hat das mit dem Literaturbetrieb zu tun? Ganz einfach: Im Verlagswesen geht es gerade zu wie im Fußball. Nur dass es nicht Trainer, sondern Geschäftsführerinnen, Verlagsleiter, Lektoren sind, die sich in den letzten Monaten gegenseitig die Türklinke in die Hand geben, so schnell wie seit vielen Jahren nicht.

Regelmäßig verschicken die Verlage Personalmeldungen, in denen Wechsel oder „Umstrukturierungen“ verkündet werden, und in der Regel sind diese die Konsequenz aus anderen Personalbewegungen. Zuletzt verkündete der Hanser Berlin Verlag die Verpflichtung von Lina Muzur. Sie wird stellvertretende Verlagsleiterin, gewissermaßen Co-Trainerin von Verlagsleiter Karsten Kredel. Muzur war vorher zwei Jahre beim Aufbau Verlag leitende Lektorin für deutschsprachige Literatur, vom damaligen neuen Aufbau-Verlagschef Gunnar Cynybulk aus München vom Stammhaus des Hanser-Verlags geholt. Man könnte meinen, Muzur habe einen Karrieresprung gemacht – doch Aufbau verlassen hat sie sicher auch wegen des Weggangs von Cynybulk zum Ullstein Verlag, der Anfang September verkündet worden war.

Gutes Führungspersonal ist zahlenmäßig überschaubar

Auch klar: Ullstein ist ein noch mal größerer Verlag als Aufbau. Hier verlegerischer Geschäftsführer zu werden, dürfte eine reizvolle Aufgabe sein, obwohl Cynybulk erst seit Anfang 2014 Aufbau leitete. Nur hatte man eben auch bei den Ullstein Verlagen ein bisschen Not. Dort verkündete die langjährige Verlegerin Siv Bublitz im Sommer ihren Abschied, um bei den S. Fischer Verlagen neue Programmgeschäftsführerin zu werden. Im Moment leiten Franziska Günther und Richard Rohn die Aufbau Verlage, beide stammen aus dem Haus, noch ist nicht bekannt, wer Cynybulk nachfolgen wird.

Ob der Verlag weiterhin auf Suche ist? Ein guter Kandidat wäre Olaf Petersenn gewesen, der lange Jahre bei Kiepenheuer & Witsch als Lektor verantwortlich für die deutschsprachige Literatur war. Doch Petersenn hat gerade einen neuen Job beim Piper Verlag aufgenommen, wo er den Posten des Programmleiters für deutschsprachige Literatur übernimmt. Sozusagen eingekauft hat ihn die 2016 inthronisierte Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg, was wiederum bei Kiwi für Betriebsamkeit sorgte. Nicht nur, dass Cheflektorin Kerstin Gleba in anderthalb Jahren die Nachfolge von Helge Malchow als Verlegerin antreten wird, sondern auch Petersenns Posten wurde neu besetzt, aus den eigenen Reihen, wie es so schön heißt, „vereinsintern“, mit der Lektorin Sandra Henrici. Ihr folgt im Kiwi-Lektorat Jan Valk nach, der vorher bei Dumont arbeitete. Und so weiter und so fort, bis zur nächsten Lücke, die der Aufbau Verlag vermutlich woanders reißen wird, wenn er Cynybolks Posten neu besetzt. Denn auch hier drängt sich eine Parallele zum Fußball auf: Gutes Führungspersonal, am besten mit Erfahrung, ist zahlenmäßig überschaubar. Und die Aufgaben im Zeitalter der Digitalisierung sind anspruchsvoll.

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