Komödie mit Heiner Lauterbach : Hoffentlich kiffen die nicht ständig

Wenn Senioren auf die Wir-um-Dreißiger treffen: Ralf Westhoffs köstliche Mehrgenerationen-Komödie „Wir sind die Neuen“ mit Heiner Lauterbach und Gisela Schneeberger.

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Hallo, Nachbarn! Die Best-Ager Eddi (Heiner Lauterbach, links), Johannes (Michael Witttenborn) und Anne (Gisela Schneeberger) verbreiten schon beim Einzug Angst und Schrecken.
Hallo, Nachbarn! Die Best-Ager Eddi (Heiner Lauterbach, links), Johannes (Michael Witttenborn) und Anne (Gisela Schneeberger)...Foto: X Verleih

Die Alten schenken den Jungen nichts, und die Jungen den Alten am liebsten noch weniger. Oldie Eddi (Heiner Lauterbach) blafft ins Treppenhaus: „Wir wollten nett sein. Das muss euch nicht erschrecken, das hat man früher öfter mal gemacht.“ Barbara (Karoline Schuch), die taffe Kunstgeschichtsstudentin: „Wir sind keine Gleichgesinnten, wir sind die Ablösung!“ Jura-Examenskandidat Thorsten (Patrick Güldenberg) sekundiert: „Dritter Stock ohne Aufzug, das macht ihr doch eh nicht mehr lange.“ Anne (Gisela Schneeberger) wiederum, nahe 65, seufzt bloß: „Hoffentlich kiffen die nicht ständig, das hab’ ich echt hinter mir.“

Schön grob, der Ton zwischen den beiden Münchner Dreier-WGs, die sich da plötzlich zusammenraufen müssen, bloß weil die Altchen in die Etage direkt unter den Wir-um-Dreißigern eingezogen sind. Neben Anne, der die alte Wohnung zu teuer wurde, und dem familiär schwer verkrachten Eddi komplettiert Johannes (Michael Wittenborn) das Neuen-Trio: linker Anwalt, nie zu Geld gekommen und extrem uncool mit blassstählerner „Die geht doch noch!“-Brille. Und bei den Glattgesichtern gibt’s noch Katharina (Claudia Eisinger), ebenso wie Thorsten mitten im Jura-Examensstress und zurzeit ohne Peilung. Nur: Wer sind eigentlich die Jungen hier? Genauer gefragt: Ist hier überhaupt jemand jung?

Die einen pflegen das mobile Dauerknipsen jedweder Gegenstände zwecks Realitätskartografierung und halten die Kehrwoche für unverzichtbar. Die anderen, gerade reichlich zerknittert aus der Zeitmaschine gestiegen, wollen exakt dort weitermachen, wo sie vor mindestens 30 Jahren miteinander aufgehört haben – mit der Musik von damals und dem Lambrusco am Küchentisch von damals und grölendem Gequatsche bis nach Mitternacht wie damals. Die einen schwören auf karrierefördernde Friedhofswohnruhe, für die anderen soll das Leben unbedingt noch mal locker’n’lustig sein, nach dem Motto: Etwas Besseres als den Tod demnächst finden wir überall.

Regisseur Ralf Westhoff kennt sich aus mit Beziehungsstress-Versuchsanordnungen

Also: „Wir sind die Neuen“ ist durchaus extrem komisch, immer wieder mal. Ralf Westhoff, der schon in „Shoppen“ (2007) die Speed-Dater aufeinanderhetzte und in seinem Film „Der letzte schöne Herbsttag“ (2010) ein junges Paar, geht in Sachen Beziehungsstress-Versuchsanordnung nun nur ein böses Schrittchen weiter – und legt seinen Protagonisten pappkameradschaftlich jede Menge zitables Sprüchekloppmaterial in den Mund. Und das Doppeltrio famoser Schauspieler zelebriert die Schlimmer-Wohnen-Parabel auf das Amüsierlichste. Wer sich da nicht zumindest minderheitsgesellschaftlich in zumindest einer der Figuren wiedererkennt, hat sich bestimmt erst gestern neu erfunden.

Andererseits schimmert die Konstruktion denn doch sachte skelettös durch. Die glubschäugigen Wohlstandskinder: allesamt zwangsneurotisch bis zum Vollbild totalverblödeter Vergewisserungsticks? Und die Alten ziehen ihr nostalgisches Wir-ziehen-wieder-zusammen-Ding bruchlos mit dem braunstichigen Studentenbuden- und Fetenmobiliar von damals durch, als sei Ikea nie aus dem südschwedischen Älmhult herausgekommen? Obwohl, hätte Regisseur Westhoff seine Senioren-Schatzis in zwar zart angegammelte, aber noch eben zeitgemäße Interieurs gesetzt, dann hätte Drehbuchautor Westhoff dem ewigflippigen Johannes auch diesen schönen Satz streichen müssen: „Meines Wissens hat sich das Grundprinzip des Nachtkästchens in den letzten 100 Jahren nicht verändert.“

Was hier allerdings auch für das Grundprinzip des Komödienkästchens gilt – und das verlangt, dass selbst auf den schlimmsten Küchenkrieg ein bisschen Bologneser Spaghettifrieden folgt. Folglich verkehren die Generationen, die zunächst von Stockwerk zu Stockwerk partout zueinander nicht kommen mögen, irgendwann derart harmonisch miteinander, als hätten sie allüberall die Türen ausgehängt und die Türklingeln gleich mit.

Geht das: Erst alle soeben noch restliebenswert doof finden und nachher bloß süß? Schon lernen die Alten freiwillig ein bisschen von den Jungen und dürfen dafür den Jungen richtig was beibringen, die darauf auch noch neugierig sind! Womit „Wir sind die Neuen“ gänzlich im filmisch noch immer recht frischen Genre des Mehrgenerationenmärchens angekommen wäre. Es gibt Schlimmeres.

In 14 Berliner Kinos

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