Konrad Heidkamp : Einfach hören

Zum Tod des Kritikers Konrad Heidkamp.

Kai Müller

Dafür, dass er einmal Gymnasiallehrer gewesen war, gab sich Konrad Heidkamp in seinen Texten wenig Mühe, anderen etwas beizubringen. Seine zunächst für die „taz“, dann für „Die Zeit“ geschriebenen Artikel hatten den aufklärerischen Impuls in etwas anderes verwandelt – in Erzählungen, in Miniaturen der Hellsicht, in die schönsten, luftigsten Texte, die man über Musik lesen konnte. Heidkamp war ein Ohrenmensch. Und er blieb das auch, als er vor zehn Jahren die Stelle des Kinder- und Jugendbuchredakteurs in der „Zeit“ übernahm. Selbst wenn er über Literatur schrieb, faszinierte ihn , wie Geräusche in die Welt der Buchstaben sickern und Wahrheiten preisgeben, für die es keine Worte gibt. Wie alle Ohrenmenschen suchte er nach der narrativen Intelligenz der Klänge, die sich zu einem Musikstück zusammenfügen und die einzige Welterklärung sind, der man glauben darf.

So schwang in Heidkamps Zeilen die Erfahrung des Jugendlichen mit, der auf dem Adenauer-Sofa der Eltern kauerte, um dem amerikanischen Soldatensender zu lauschen. Auf einem Musiktruhenmöbel, leiser als Zimmerlautstärke, damit die Nachtruhe der Eltern nicht gestört wurde. Das Rebellische war seine Sache nicht. In der Verehrung tragischer Untergeher wie Chet Baker wusste er um die Kraft, die ein Leben verändert, wenn man alles für möglich hält. Früh waren die Plätze in seinem Olymp vergeben. Wenn er die Musik seiner Helden Coltrane, Monk und Miles, Dylan und Neil Young beschrieb, wurde einem bewusst, warum man einfach nicht um sie herum kommt.

„It’s All Over Now“, betitelte Heidkamp schließlich seine liebenswerte Rückschau auf vierzig Jahre Jazz und Rockmusik. Das klang wie ein Abgesang auf eine Epoche, die er weniger begleitet, als vielmehr mit sämtlichen Seelenphasern erlebt hatte. Und die sollte nun unweigerlich vorbei sein? „Wie kann ein Klang“, fragte Heidkamp vor wenigen Wochen, „den Widerspruch einer Welt enthalten, zwischen Unmenschlichkeit und Vernunft, zwischen der Faszination des Abscheulichen und der Rechtfertigung durch eine Idee?“ Um solche Fragen geht es. Am Sonntag starb Konrad Heidkamp nach langer, schwerer Krankheit. Er wurde 61 Jahre alt. 

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