Kultur : Konstanze Lauterbach: Blut und Tränen

Hartmut Krug

Wer Ende der achtziger Jahre in der DDR aufregendes Theater sehen wollte, der musste die real-sozialistische Republik von Nord nach Süd durchmessen und in die Provinz fahren: nach Anklam zu Frank Castorf und nach Rudolstadt zu Konstanze Lauterbach. Heute kann man beider Arbeit in Berlin sehen. Castorf ist seit langem Intendant der Volksbühne - und Konstanze Lauterbach präsentiert sich morgen als neue Hausregisseurin des Deutschen Theaters mit Garcia Lorcas "Bluthochzeit", zur Eröffnung der Intendanz von Bernd Wilms.

Castorf und Lauterbach sind Regisseure, die jeder auf ganz eigene Weise bereits in der DDR das allgemein übliche, einverständig-kritische Subtext-Dialog-Theater aufbrachen. "Wahrheit auf dem Theater tritt nicht zu Tage durch den Wiedererkenneffekt, da komme ich mir immer faul vor, sondern durch Vergrößerung oder Verzerrung. Hier ist der Autor, dort das Theater. Das sind zwei Kräfte, die sich reiben müssen. Außerdem muss das Spiel der Schauspieler immer etwas Changierendes haben. Wo ist die Rolle, wo der Schauspieler?", meint Konstanze Lauterbach: "Im Text ist oft etwas festgeschrieben, das man aufbrechen, ja, sogar ins Chaos treiben kann. Mit Bewegung geht das besser als mit dem Wort."

Konstanze Lauterbach ist eine Ensemble-Regisseurin, die ihre Schauspieler mit sich zieht. Wie Anika Mauer, die bereits ihre Bremer "Yerma" und ihre Abigail in Millers "Hexenjagd" war. Und die jetzt am Deutschen Theater in "Bluthochzeit" die Braut spielt. Federico Garcia Lorca: ein Autor, von dem die Regisseurin bereits das fünfte Stück inszeniert. Weil sie Stücke interessieren, die von enttäuschten Hoffnungen handeln - und vom Zusammenstoß des Individuums mit den Normen der Gesellschaft. Deshalb wird bei Konstanze Lauterbach aufs Heftigste gespielt, die Szene kann leicht zum Tollhaus werden. Die meist farbkräftigen, lebhaft mitspielenden Bühnenbilder Lauterbachscher Inszenierungen werden demoliert. Die Regisseurin erzählt gern von starken Frauen, die schwach, oder von schwachen Frauen, die stark werden und dennoch scheitern. In einer neurotisch-kontrollierten Gesellschaft gelingt die Flucht nicht. Die Suche nach dem Glück endet schlimm, ob in Millers "Hexenjagd" oder in Maeterlincks "Pelleas und Melisande". Immer wieder das Thema Glückswünsche und Glücksverfehlung, enttäuschte Hoffnung und gescheitertes Leben. Bei Inszenierungen von Hauptmann und Müller, bei Schillers "Räubern" und Ludwig Fels "LiebLieb" oder bei Siegfried Wagners Oper "Schwarzschwanenreich". Bei ihrer Leipziger "Lulu" setzt die Titelfigur mit großem Einsatz ganz auf die Liebe und wird zur Täterin aus Notwehr.

Mit Mark Galesniks "Die Besessene" war Lauterbach 1993 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Einspielungen von klassischer Musik, pantomimische und choreografische Elemente, Metaphern über Metaphern - und oftmals wie in einen Taumel ausbrechende, unter Überdruck agierende Schauspieler, das sind wiederkehrende Inszenierungsmittel dieser Regisseurin.

Die 1954 im thüringischen Ronneburg geborene Konstanze Lauterbach wollte erst Tänzerin werden, bewarb sich dann mehrfach vergeblich an der Schauspielschule, arbeitete in der Produktion und machte bei einem Arbeitertheater mit. Mit ihrer ersten Studententheater-Regiearbeit eckte sie sofort an. Eine Reise durch die DDR-Theaterprovinz begann, sie führte von Karl-Marx-Stadt über Altenburg, Nordhausen und Rudolstadt 1991 nach der Wende ans Schauspiel Leipzig. Zehn Jahre lang blieb sie Leipzig treu, mit Abstechern nach Bremen, Klagenfurt, Karlsruhe und ans Burgtheater. In ihren Inszenierungen purzeln Zeiten und Orte, Stile und Genres übereinander. Ein Musical wie "Der Mann von La Mancha" kann schon mal seiner Musik beraubt daher kommen, während Schauspieler eine genau choreografierte musikalische Struktur durchhalten. Mancher wird von den Bilderfluten und Bilderfluchten der Lauterbach, von ihrem bildhaft schwungvollen Theater schier süchtig. Andere mögen sich von Lauterbachs Drang nach allzu eindeutigen oder allzu verrätselten Bildmetaphern verprellen lassen. Eine starke, ganz eigene Sprache aber bringt diese Regisseurin in jedem Fall mit ans Deutsche Theater - eine Institution, die einmal die Spitze des DDR-Theaters darstellte.

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