Kontrolleur bei der Gema : Der Hüter der Urheberrechte

Musik, überall Musik, doch zahlen will niemand dafür. Leute wie Maik Zimmermann haben einen unbeliebten Job. Er arbeitet für die Gema. Seitdem sie die Tarife geändert hat, tobt ein Kulturkampf.

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Zehn Prozent der Eintrittsgelder. So viel verlangt die Gema ab Januar 2013. Dagegen regt sich Protest. Die Klubszene fürchtet ihr Ende.
Zehn Prozent der Eintrittsgelder. So viel verlangt die Gema ab Januar 2013. Dagegen regt sich Protest. Die Klubszene fürchtet ihr...Foto: mauritius images / ib

Maik Zimmermann blickt noch einmal in sein schwarzes Ledermäppchen: Kaiserdamm 35, Berlin-Charlottenburg; neuer Inhaber. Er ist also richtig hier. Auch wenn es sein kann, dass der neue Inhaber der Tankstelle das nicht so sieht. Maik Zimmermann kennt das. Er kramt eine Visitenkarte heraus, wiegt sie in der Innenfläche seiner rechten Hand. Es ist heiß, erste Schweißperlen sammeln sich auf seiner Stirn. Sein blauweiß gestreiftes Hemd hat er einen Knopf zu weit geöffnet, das Feinrippunterhemd ist zu sehen. Maik Zimmermann betritt die Tankstelle, schaut in die Ecken, hört in den Raum hinein. Ein Summen kommt von rechts, das wird wohl der Kühlschrank sein. Er geht zur Kasse: „Guten Tag, Zimmermann mein Name, ich komme von der Gema.“

Der junge Mann schaut ihn einige Sekunden an und entgegnet schließlich: „Na und?“

Übergabe der Visitenkarte. Maik Zimmermann – Gema Bezirksdirektion Berlin, steht darauf. Das bedeutet, Zimmermann ist Außendienstler, einer von 200 in Deutschland, die für die Hüterin der Urheberrechte arbeiten. Er kontrolliert Kneipen, Fitnessstudios, Cafés, Tankstellen. Er will wissen, ob ein Radio läuft, ein Fernseher oder eine CD. Überall dort, wo Musik im öffentlichen Raum gespielt wird, treibt die Gema Geld ein. Zimmermann mag das Wort „Kontrolleur“ nicht. Er nennt sich „Berater“.

Der junge Mann hinter der Kasse, Blick auf die Visitenkarte, versteht noch immer nicht. „Aber was hat das mit der Tankstelle zu tun?“ Jetzt hören beide in den Raum hinein. Es ist still. „Wenn sich das ändert, kann Ihr Chef sich bei mir melden“, sagt Zimmermann und geht.

Video: Berliner Clubszene beschallt Gema

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Protest gegen Gema
Protest gegen Gema

Für Termine wie diesen bekommt er eine kleine Pauschale. Sein Geld verdient er damit, dass ein neuer Kunde einen Vertrag unterschreibt. Seit 1996 arbeitet er im Außendienst der Gema, als Freiberufler auf Provisionsbasis. Eigentlich hat er Physik und Mathematik studiert, auf Lehramt, bis zum ersten Staatsexamen. „Aber für die Gema habe ich schon zu Studienzeiten gejobbt.“ Sein Vater war ebenfalls Außendienstler dort. Maik Zimmermann ist so etwas wie ein Überzeugungstäter in zweiter Generation.

Schon seit den 50er Jahren sammelt die Gema Gebühren von Leuten ein, die mit Musik Geld verdienen. Das Geld reichen sie weiter an ihre 65.000 Komponisten, Texter, Verleger. Wer wie viel erhält, regelt ein komplizierter Verteilungsschlüssel. Im letzten Jahr hat die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, so die offizielle Bezeichnung, gut 825 Millionen eingenommen. Über 700 Millionen hat sie an ihre Mitglieder ausgeschüttet. 15 Prozent streicht die Gema für ihren Bürokratie-Apparat ein. Von dem Geld bezahlt sie auch Maik Zimmermann. Vor der Tankstelle öffnet der jetzt sein schwarzes Ledermäppchen, zieht einen Kugelschreiber heraus und vermerkt: keine Musik. Seine Arbeit ist nicht einfacher geworden, seit die Gema im April dieses Jahres die neuen Tarifstrukturen veröffentlicht hat.

Heute führt ihn seine Tour nach Spandau. Er ist für den ganzen westlichen Teil Berlins zuständig. Ein Navigationsgerät besitzt er nicht, während der Fahrt tippt er immer wieder auf seinem iPhone herum. Sein VW-Golf ist ungewöhnlich aufgeräumt, kein Kuscheltier, kein Duftbäumchen. Nur das Nummernschild gibt etwas von ihm preis: B-SC. Zimmermann ist Hertha-Fan, auch sein einjähriger Sohn ist schon Mitglied. Die Hertha ist abgestiegen. Auch für die Gema hätte es im letzten Jahr besser laufen können.

Im Auto sitzt auch Gaby Schilcher. Sie gehört zum PR-Team der Gema, ist extra aus München angereist, um Zimmermann auf der heutigen Tour zu begleiten, zu unterstützen. Die beiden geben ein ungleiches Paar ab. Zimmermann, Ur-Berliner, rotblonde Haare, den Bart um den Mund ordentlich gestutzt. Er könnte der Bruder von Boris Becker sein, ist nur kleiner und leicht untersetzt. Schilcher, einen guten Kopf größer, die Sonnenbrille in die blonden Haare gesteckt, rollt das „R“, wie man es in Süddeutschland tut. Sie lacht viel und redet noch mehr. In erster Linie über die Gema. Seit zwölf Jahren arbeitet sie in der PR-Abteilung. Vorher war sie in gleicher Funktion beim SOS-Kinderdorf. „Ich arbeite viel lieber für ein gutes Unternehmen mit schlechtem Image als andersherum“, sagt sie.

Da ist sie bei der Gema goldrichtig, wie es scheint. Das Image ist ruiniert. Die Verwertungsgesellschaft rangiert auf der Unbeliebtheitsskala irgendwo zwischen Ordnungsamt und GEZ. „Wir machen unsere Arbeit verdammt gut“, sagt Schilcher. Sie war überrascht von der heftigen Reaktion auf die Tarifänderungen. Dabei habe die Gema doch nur auf die Kritik reagiert, wollte das Tarifsystem vereinfachen, von elf auf zwei Kategorien. Sie wollte alles gerechter machen. Kleine Clubs und Kneipen entlasten, die Großen zur Kasse bitten. Schilcher beschreibt die Gema als eine Art Robin Hood. Warum nur sind sie in der öffentlichen Wahrnehmung immer der Sheriff von Nottingham?

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