Konzert von Tim Bendzko in der Waldbühne : Harmonie ist eine Strategie

Muss nur noch kurz ganz viele Gefühle zeigen: Tim Bendzkos Konzert in der Berliner Waldbühne.

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Mission erfüllt. Popstar Tim Bendzko, 28, in der Waldbühne.
Mission erfüllt. Popstar Tim Bendzko, 28, in der Waldbühne.Foto: dpa

Vor der letzten Zugabe steht Tim Bendzko mit seiner Band noch einmal vorne am Bühnenrand und blickt grinsend in das Halbrund. Die Kamera hält auf sein Gesicht und die Leinwände zeigen dann einmal nicht die Teenagergesichter aus der ersten Reihe mit ihrer vom Frühabendregen zerlaufenen Schminke, sondern die Hauptfigur dieses Abends. Das Grinsen scheint Bendzkos Erleichterung auszudrücken.

Muss ein gutes Gefühl sein, die 20 000 Zuschauer vor und auf den Steinstufen der Berliner Waldbühne jubeln zu sehen. Muss aber auch ein gutes Gefühl sein, zu wissen: Das lief alles. Das habe ich geschafft. Zweieinhalb Stunden, für einen Künstler, der gerade einmal zwei Alben veröffentlicht hat – das ist eine ambitionierte, eine Menge Vorbereitung erfordernde Programmlänge. Vermutlich deshalb hat Tim Bendzko den Abend „Mission Waldbühne“ genannt. Und vermutlich hat er sich deshalb Hilfe geholt. Gleich drei Söhne Mannheims, unter anderem Henning Wehland, der früher mal bei der Crossover-Band H-Blockx sang, außerdem die Soul-Chanteuse Cassandra Steen und der Sänger Chima, der schon den Support bestritt, werden während des Konzerts auf die Bühne gebeten. Auch die Backing-Band wurde aufgestockt. Ein Cello, zusätzliche Vocals, einmal duellieren sich sogar ein Akkordeon und ein Umhängekeyboard. Das ist natürlich albern, aber gleichzeitig wunderbar.

Mit der BVG heim nach Köpenick, zwei Biere an der Spree

Mehr Extravaganzen gönnt sich Bendzko nicht. Würde auch nicht recht passen, schließlich ist er der bekannteste Vertreter einer Pop-Generation, die den Fleiß dem Exzess vorzuziehen scheint. Bendzkos Wikipedia-Eintrag zeigt ein Bild, das auf einer Veranstaltung der Popakademie Baden-Württemberg aufgenommen wurde; in einem Interview bekannte er unlängst, unbedingt Angela Merkel treffen zu wollen. Und schaut man dem ehemaligen Sportgymnasiasten und Union-Berlin-Spieler zu, wie er da in der roten Nike-Trainingsjacke über die Bühne tanzt, kann man sich gut vorstellen, wie er direkt nach dem Konzert zurück in den Alltag rutscht. Mit der BVG heim nach Köpenick, zwei Biere an der Spree. Der Regen hat schließlich aufgehört. Am nächsten Tag dann aber nicht zu spät raus aus den Federn! Tim Bendzko, das ist sein Erfolgsgeheimnis, ist eine nette Ausgabe des deutschen Durchschnittsbürgers, außerdem dessen Repräsentant in Sachen Emotionen.

Xavier Naidoo ist Bendzkos gefühliges Vorbild. Das passt schon.

Denn eines wird in der Waldbühne rasch klar: Um Gefühle geht’s bei Bendzko in fast jedem Song. Er besingt ein diffuses Unverstandensein, kommt aber selten auf den Punkt. „Wenn Worte meine Sprache wären“ hieß sein Debüt- Album, und in der Tat tut er sich manchmal schwer mit den Worten. Er wählt Phrasen, die alles bedeuten können – oder nichts. Bendzko singt vom „Sandkorn in den Fängen der Zeit“, von der roten Linie, vom roten Faden und auch vom seidenen. In einem neuen Stück geht ihm irgendetwas unter die Haut wie der Sommerwind. Dieses Bild kennt man auch schon von Ex-DSDS-Sieger Alexander Klaws und von Schlagersängerin Kristina Bach, und in der Tat: Manchmal ist Bendzkos Musik Schlager, aber immer sehr sorgfältig getarnt als Soul. Die Söhne Mannheims auf der Bühne und ihr viel bejubeltes Stück „Und wenn ein Lied“ ergeben hier schon Sinn. Wer Bendzko zuhört, wer die Art, wie er singt, eine Weile lang verfolgt, weiß um seine Inspiration und sein Lehrmaterial: es ist der gefühlige Gesang von Söhne-Begründer Xavier Naidoo, dessen leichtes Tremolo und Hang zur bedeutungsschwangeren Überbetonung. Aber das passt schon. Bendzko und seine Band inszenieren ihre Songs fast zwanghaft harmonisch, aber auch mit Mut zur Größe. „Ohne zurück zu sehen“ klingt wie ein wuchtiger, um Erlösung flehender Gospel, Bendzkos erster Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ hat Rap-Elemente und ein Eighties-Groove-Fundament.

Am Ende sitzt Tim Bendzko allein mit seiner Gitarre da, und alle Zuschauer halten ihre Handys in die Luft und spielen mit den eingebauten Lichtern Sternenhimmel. Diese Mission war offenbar erfolgreich.

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