Konzerthausorchester : Unter der Sonne Spaniens

Russland träumt von heißeren Ländern - und das Konzerthausorchester und Dmitri Kitajenko tanzen zu „Carmen“.

von
Dmitri Kitajenko
Dmitri KitajenkoFoto: Dan Hannen

Was hat Dmitri Kitajenko da bloß wieder hervorgezaubert? Der Erste Gastdirigent des Konzerthausorchesters greift gern tief in die russische Repertoirekiste – und legt seinen Musikern die „Carmen-Suite“ des trotz seiner Opern und Ballette in Europa wirklich sehr unbekannten Rodion Schtschedrin (geboren 1932) aufs Pult. Ein Stück mit Tradition, schon immer haben russische Künstler mit sehnsüchtigem, melancholischem Blick auf heißere Länder geblickt. Dabei ist es Schtschedrin gelungen, Bizet nicht epigonal fürs Ballett (er schrieb die Suite auf Wunsch seiner Frau, der Primaballerina Maya Plisetskaya) nachzubuchstabieren. Sondern eine eigene Handschrift zu finden.

Nur Streicher und Schlagwerk, keine vermittelnden Bläser, fast gespenstische Härte und Unmittelbarkeit des Klangs. Motive, etwa in der „Toreador“-Arie, brechen ab, vertraute Figuren fangen an zu tanzen. Schtschedrin lässt ein Thema in den Bratschen beginnen, dann fugenartig die Geigen dazutreten. Er spielt mit Erwartungen, träumt, denkt, mixt Bizet weiter, ein Alchimist im Labor. Das Orchester folgt Kitajenko mit heißblütigem, erotischem, tief empfundenem Strich.

Noch ein Russe: Reinhold Glière und sein Hornkonzert. Immer wieder verblüffend, wie unbeleckt von allen seriellen oder Darmstädter Dogmen russische Komponisten in der Nachkriegszeit in tonaler Melodieseligkeit schwelgen. Pbemysl Vojta, hauseigener Solo-Hornist des Orchesters, ist ein Meister dynamischer Abschattierungen, betört mit bronzenem Timbre und einem Klang, der auch an den leisesten Stellen nie an Substanz, an Relevanz verliert. Im Finalsatz stellt Glière den Kosakentanz Trepak einem orthodoxen Choral gegenüber – Referenz an das weite Spektrum russischer Musik. Schließlich gleich vier Hörner und ein massiv verstärktes Orchester für  Nikolai Rimski- Korsakows sonnnig-prachtvolles Capriccio espagnol op. 34. Ein Ausländer imaginiert sich das Sehnsuchtsland Spanien, wie einst der Franzose Bizet, wie Schtschedrin. Und das Konzerthausorchester zeigt sich in Bestform.

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