Kopierte Bücher : Raubdrucke für die Revolution

Auch dieser Autor hat einst Urheberrechte verletzt. Er hat viel dabei gelernt. Zum Beispiel, wie wertvoll der Schutz ist.

Peter Laudenbach

Heute lebe ich davon, dass Zeitungen und Zeitschriften, die meine Texte drucken, mich dafür anständig bezahlen. Ich bin schon aus Eigeninteresse entschieden für den Schutz des Urheberrechts, schließlich will ich meine Arbeit nicht verschenken, sondern verkaufen. Beim Copyright verstehe ich keinen Spaß. Das war nicht immer so. Was heute der illegale Download oder die auf Tauschbörsen kopierten Filme sind, waren in meinen jungen Jahren Mitte der 80er Jahre die guten alten Raubdrucke. Und ich kann sagen, ich verdanke ihnen mehr als nur Bildungserlebnisse.

Um in den Jahren vor dem Abitur in der schwäbischen Provinz meine schon damals manische Ausmaße annehmende Bibliophilie zu finanzieren, verkaufte ich bergeweise Raubdrucke, die mir ein befreundeter Drucker lieferte. Mein Schuldgefühl hielt sich in Grenzen. Ich verkaufte, was im entsprechenden Milieu gefragt war: Tolkien, Michael Ende, Castaneda, Horst-Eberhard Richter – also aus meiner damaligen wie heutigen Sicht: Unsinn. Vom Erlös wurde ein bisschen gekifft, Punkkonzerte besucht und Freejazz-Platten gekauft, aber vor allem wurden schöne Adorno-, Beckett- oder Benjamin-Ausgaben erworben und lange Sommerurlaube in Griechenland gemacht. Ich machte nichts anderes, als die Kulturindustrie mit ihren eigenen Waffen, die alles zur Ware machen, zu schlagen.

Nach dem Abitur weitete sich das Raubdruck-Geschäft zügig aus. Wir gründeten eine kleine, anarchistische Stadtzeitschrift, wie das damals Brauch war. Auch bei dieser Unternehmung kam die Anschubfinanzierung von den jetzt in größerem Stil gehandelten Raubdrucken. Unnötig zu sagen, dass es ein Blättchen von begrenzter Lebenszeit war. Aber es hat Spaß gemacht, und wahrscheinlich bin ich mit meinem, natürlich völlig vergeblichen Ehrgeiz, eine tolle Zeitschrift zu machen, meinen Kombattanten sauber auf die Nerven gefallen. Mit anderen Worten: Damals bin ich zum Journalisten geworden. Ohne Raubdrucke würde ich jetzt nicht so gut vom Schreiben leben und das Copyright verteidigen. Das ist das Schöne am Kapitalismus: Indem man gegen das System ist, lernt man, im System ordentlich Geld zu verdienen. Wir kleinen Provinz-Anarchos haben schon damals, und natürlich ohne das so zu nennen, als gute Liberale nichts anderes gemacht, als uns als freie Unternehmer zu betätigen. Wir haben die Freiheit des Unternehmertums nur etwas anders interpretiert als der Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Offenbar bin ich nicht der Einzige, der den Raubdrucken den Berufseinstieg verdankt. Vor einiger Zeit hatte ich das Vergnügen, eine so eigensinnige wie beeindruckende Kleinverlegerin aus der norddeutschen Provinz kennen zu lernen, die sich mit Raubdrucken vor Jahrzehnten die Verlagsgründung finanzierte. Wir hatten damals sogar den gleichen Drucker, waren also unbekannterweise vor etwa drei Jahrzehnten so etwas wie Geschäftspartner. Die Autoren wie die Leser ihrer bibliophilen Bücher können ihr für diese Initiative, die schon damals die für die Verlegerexistenz nötige Entschlossenheit zeigte, bis heute dankbar sein. Die Pointe all dieser inzwischen hoffentlich verjährten Urheberrechtsverletzungen liegt darin, dass die aufgewendete kriminelle Energie aus Liebe zum Buch geschah. Unser „erweitertes Verlegertum“, wie das Jörg Schröder nennt, der Pate des März-Verlages, war betrieben von Lektüre-Junkies, und nicht die dumpfe Gratis-Abzock-Mentalität heutiger Downloader und ihrer Piraten-Lobby.

Plattenladen? Herunterladen!

Später, als ich endlich nach Berlin ziehen und studieren konnte, bescherten mir Raubdrucke als Käufer und Leser schöne Lektüre-Wochen und -Monate. Kennt noch jemand den günstigen „Reprint“, wie man damals euphemistisch sagte, der in Studententagen für unsereins unbezahlbaren Freud-Werkausgabe? Ich habe ihn noch und er ist voller Anstreichungen. Karl Ottens Roman „Wurzeln“ habe ich nur gelesen, weil mir ein bewanderter Steglitzer Antiquar einen Raubdruck in die Hand drückte, der auf dem Buchrücken, vermutlich aus Tarngründen, geschmückt war mit der schönen Zeile: „Ohne Droge keine Dialektik der Revolution.“ Gängiges Seminarwissen ist, dass eines der wichtigsten Bücher nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von den aus der Emigration zurückgekehrten Autoren, sondern von unbekannten Linksradikalen, die die niederländische Exil-Ausgabe illegal nachdruckten, wieder ans Licht der lesenden Öffentlichkeit gehoben wurde: „Die Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Erst die illegale Ausgabe bereitete den Boden für die offizielle.

Nichts von solchem Zuwachs an Wissen, an Erkenntnis und Interesse oder auch nur der Freude an der Subversion kann ich bei den nebeligen Ideen und der seltsam aggressiv vorgetragenen Forderung der Piraten, Kulturgüter gratis kopieren zu dürfen, erkennen. Das Urheberrecht für diesen Text liegt beim Autor, das Copyright beim Tagesspiegel.

Lesen Sie hier Erik Wenks Replik auf den Vorwurf, heutige Downloader hätten eine "dumpfe Gratis-Abzock-Mentalität"

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