Kultur : Kratziges Dasein

Eine Gedichtsammlung von Sünje Lewejohann.

Moritz Scheper

Clemens Meyer, Thomas Pletzinger oder Juli Zeh kennt man als Absolventen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL), sie haben sich mit ihren Büchern einen Namen gemacht. Naturgemäß weniger bekannt sind Autoren und Autorinnen wie Steffen Popp oder Ulrike A. Sandig, die den lyrischen Strang des DLL repräsentieren. Komplett zwischen allen Stühlen sitzt Sünje Lewejohann, die acht Jahre nach ihrem Romandebüt „Am Sonntag will Gott zu Atem kommen“ nun ihren ersten Gedichtband „In den Hirschen“ vorlegt.

Diese Gedichte kommen ohne die inzwischen beinahe schon standardisierte Ironie aus, und auch auf großspurige technische Gesten verzichtet die Autorin komplett. Ungereimt und rhythmisch angenehm vor sich plätschernd fühlt sich Sünje Lewejohann in die endemische Fauna ein, durchgehend in Kleinschreibung, als würden Majuskeln das Wild verschrecken: „einmal in den hirschen sein / (...) sich in den fang der füchsin verlieben, / ihre blitzenden zähne sich an die kehle / wünschen.“ Der hippieske Pantheismus vieler Gedichte mag manchmal naiv klingen, ist jedoch alles andere als das. Anthropomorphisiert wird hier nicht. Lewejohann verwendet Tiere in einer Art, die der von Beuys nicht unähnlich ist: als Türöffner ins Unmittelbare des vorrationalen Daseins. Durch die Anlehnung an Märchensprache und Volksmythologie gelingt hin und wieder eine kurze, intensive Verzauberung der Welt. Diese geht bei Lewejohann oft mit dem Eros einher, zum Beispiel wenn die Bärin „den zerwanderten Körper zum / Blattschuss trägt“. So lässt sich „In den Hirschen“ nicht als platte Naturlyrik fehldeuten. Vielmehr stellen die naturalistischen Wald- und Wiesenpanoramen sublim die großen universellen Fragen: nach der selbstauslöschenden Liebe, der Transzendenzlosigkeit, dem Tod.

Wirkliche Wucht entfaltet der Band zwar nicht, dennoch zirkulieren viele dieser verfrorenen, von einem angenehmen Sound begleiteten Naturbilder im Kopf herum – nicht zuletzt, weil Sünje Lewejohann sie gegen den vorherrschenden Trend nicht zersplittert, sondern mäandern lässt. Unterm Strich also das richtige Textkompendium, um das „kratzige dasein“ einmal gegen eine moosduftende Sehnsuchtslandschaft voller Schalenwild einzutauschen. Moritz Scheper

Sünje Lewejohann: In den Hirschen.

Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2013.

68 Seiten, 18 €.

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