Kreuz-Debatte am Humboldt-Forum : Wie halten wir es mit der Religion?

Das Kuppelkreuz und der Schriftzug ZWEIFEL passen zusammen gut zum Humboldt-Forum. Ein Kurzessay vom Kulturbeauftragten des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Johann Hinrich Claussen
Der Turm des wiedererrichteten Berliner Stadtschlosses und des Doms spiegeln sich in der Glasfassade des Auswärtigen Amtes.
Der Turm des wiedererrichteten Berliner Stadtschlosses und des Doms spiegeln sich in der Glasfassade des Auswärtigen Amtes.Foto: picture-alliance / Paul Zinken / dpa

Zu jeder ordentlichen Debatte gehört eine kräftige Portion Absurdität, sonst zündet sie nicht. So ist es auch beim Streit um das Kuppelkreuz auf dem Berliner Schloss. Eigentlich ist es einfach: Wenn man sich für eine historische Rekonstruktion entscheidet, muss man die dazugehörige Kuppel mit ihrem Kreuz bauen. Alles andere wäre architektonische Zensur. Hätte man ein modernes Bauwerk für die Begegnung der Weltkulturen – natürlich ohne Kreuz – haben wollen, hätte man das früher beschließen müssen. Es ist einigermaßen absurd, wenn einige jetzt A sagen, aber gegen B protestieren. Sie betreiben damit nur Symbolpolitik.

Symbolpolitik ist merkwürdig unpolitisch. Sie beschäftigt sich nicht mit echten Problemen oder realen Konflikten, sondern will nur mit scharfen, flinken Meinungsäußerungen die eigene Identität stabilisieren. Dazu gehört, dass man die „anderen“ ausgrenzt. Nun scheinen einige zum Zweck der eigenen Identitätssicherung die öffentliche Erinnerung an das Christentum reduzieren zu wollen.

Wie provinziell das ist, erkennt man, wenn man sich kurz in einen unschuldigen Hauptstadtbesucher der Zukunft hineinversetzt: Er geht um das fertiggestellte Schloss, begegnet einem Marx-Engels-Denkmal und sozialistischer Fassadenkunst am Neuen Marstall, entdeckt, wie gleich gegenüber die Friedrichswerdersche Kirche durch eine katastrophale Baupolitik schwer beschädigt und aus dem Stadtbild getilgt wurde – und wie der Schlosskuppel der „Abschluss nach oben“ verweigert wurde. Muss ihm das nicht als eine extrem einseitige Geschichtsblindheit erscheinen, die nur aus Berliner Lokalbesonderheiten zu erklären ist?

Die Kreuz-Debatte könnte zum Glücksfall werden

Die evangelische Kirche vertritt in dieser Debatte keine eigenen Interessen. Allerdings freut man sich als Theologe über jede öffentliche Diskussion um das Kreuz. Denn das christliche Grundsymbol soll genau dies sein: ein Skandal – den einen eine Torheit, den anderen ein Hinweis auf die paradoxe Kraft Gottes. Dieser Streit gewinnt manchmal eine allgemein-kulturelle Bedeutung. Die Debatte um das Kuppelkreuz könnte dann zum Glücksfall werden, wenn sie auf eine echte inhaltliche Frage aufmerksam machte, diese nämlich: Das Humboldt-Forum soll eine Begegnung der Welten inszenieren, das aber kann nur gelingen, wenn dabei ein Verständnis für Religion sichtbar wird. Denn zum einen sind viele der ethnologischen Exponate Kult-Objekte, zum anderen lebt die aktuelle Relevanz des Forums auch von der gegenwärtigen Religionsfrage.

Die Migrationsbewegungen unserer Zeit zwingen dazu, das Verhältnis des Eigenen zum Fremden zu klären, auch in religiöser Hinsicht. Vor archaischen Objekten und angesichts fremd anmutender Religiosität im eigenen Land werden säkulare Besucher des Humboldt-Forums der „Wiederkehr der Religion“ begegnen und sich dazu verhalten müssen. Bisher wurde diese Bedeutung der Religionsfrage für das Forum nicht ausreichend diskutiert – einmal abgesehen von Neil MacGregors Nachfrage bei seinem Amtsantritt als Gründungsintendant, wie denn der Islam im Humboldt-Forum vorkommen solle. Hoffentlich ändert sich dies nun.

Notwendig ist dafür ein gelassenes Verhältnis zur Geschichte und Gegenwart der Religionen. Als Gesellschaft kann man sich nur dann über ihre positiven und negativen Seiten verständigen, wenn man souverän mit ihrer öffentlichen Sichtbarkeit umgeht. Vielleicht hilft es, daran zu erinnern, dass religiöse Zeichen sich mit der Zeit wandeln. Auch dafür ist das Kuppelkreuz ein Beispiel. Ursprünglich stand es für ein gewalttätiges Gottesgnadentum. Triumphalistisches Gehabe aber ist das Letzte, was man der evangelischen Kirche heute vorwerfen kann. Sie ist eine sehr selbstkritische Konfession geworden. Darin macht sie ernst mit der ersten von Martin Luthers 95 Thesen, wonach das ganze Leben eines Christen Buße sein soll.

Zweifel als Bruder des Glaubens

Das mittelalterliche Wort „Buße“ kann man heute mit „historischer Selbstkritik“ übersetzen. So wenden sich im Reformationsjahr Protestanten (und nicht nur sie) ihrem historischen Ursprung zu. Dabei unterscheiden sie genau, was ihnen daran fremd geworden ist, was sie ablehnen und was sie heute immer noch orientiert.

Eine solche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kann eine nachdenkliche, um Zweifel angereicherte Identität eröffnen. Genau das ist es, was wir heute brauchen. Deshalb ist es ein charmanter Vorschlag der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, die große „ZWEIFEL“-Installation des norwegischen Künstlers Lars Ø Ramberg, die ursprünglich den Palast der Republik zierte, auf der anderen Seite des Schlosses anzubringen. ZWEIFEL und Kreuz ergäben so eine stimmige Spannungseinheit, mit theologischem Hintersinn.

Nach evangelischem Verständnis ist der Zweifel nicht das Gegenteil des Glaubens, sondern sein Bruder. Weithin sichtbare Kreuze sind in Deutschland längst keine Herrschaftszeichen mehr, vor denen man sich selbst fürchten oder eingeschüchterte Menschen schützen müsste, sondern Anstöße, ernsthaft und differenziert über die eigene Geschichte und religiös-kulturelle Identität nachzudenken. Laizistischer Waschzwang ist dabei eher hinderlich.

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