Kriegsende vor 70 Jahren : Nazis sind immer die anderen

"Die Nazis haben den Krieg verloren", heißt es neuerdings wieder. Das ist ein ahistorischer Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Wie ein Begriff die Erinnerung an 1945 verfälscht.

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Nachkriegszeit im zerstörten Berlin.
Nachkriegszeit im zerstörten Berlin.Foto: dpa

Die Deutschen sind 1939 in Polen einmarschiert, sie haben Frankreich, Holland, Belgien, Norwegen besetzt, auch in Griechenland und Nordafrika waren sie. Fast hätten die Deutschen sogar die Sowjetunion erobert. Doch am Ende haben die Nazis den Krieg verloren.

„1945: Als die Nazis kapitulierten“, titelt die „Zeit“. Haben damals tatsächlich die Nazis kapituliert, und wurden alle anderen Deutschen von ihnen befreit? Die Kapitulationsurkunden sind am 7. und 8. Mai 1945 in Reims und Berlin von den Generälen Jodl, Friedeburg, Keitel und Stumpff unterzeichnet worden. Keitel und Jodl, die später als Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg hingerichtet wurden, waren Parteimitglieder, also Nationalsozialisten. Damit gehörten sie zu einer Minderheit, denn Nazis, das zeigte sich bald nach dem 8. Mai, hatte es in Deutschland nur wenige gegeben, sehr wenige, eigentlich gar keine.

Ein schiefer Umgang mit der eigenen Verantwortung

Nur einer soll ein überzeugter Nationalsozialist gewesen sein, und der stammte aus Österreich und war bereits tot: „Adolf Nazi“ (Herta Däubler-Gmelin). Oder gab es noch mehr? Helmut Schmidt erinnert sich in der „Zeit“ aneinen Nennonkel, mit dem er über den Ost-Feldzug gestritten habe, und zwei Freunde aus der Schulzeit, Kurt und Ursel. „Ursel wurde eine überzeugte Nazisse!“

70 Jahre nach Kriegsende ist wieder gern von „den Nazis“ die Rede. Die Nazis waren Verbrecher, die Nazis sind schuld. Darin offenbart sich ein schiefer, ahistorischer Umgang mit der eigenen Vergangenheit und Verantwortung. Denn Nazis, das sind immer die anderen.

Die Wirklichkeit ist komplizierter, je genauer man auf die Geschichte draufschaut, desto schwerer fällt es, Mitläufer und Abseitssteher, Täter und Opfer zu unterscheiden. Oskar Schindler, der mit seiner berühmten Liste 1.200 Juden rettete, besaß ein Mitgliedsbuch der NSDAP. General Ernst-Anton von Krosigk, der 1941 die Erschießung von 24.000 Juden in der Ukraine mitorganisierte, nicht. Mit den Zielen des nationalsozialistischen Staates, auch mit der Forderung nach „Lebensraum im Osten“ und dem Antisemitismus, identifizierten sich nicht bloß Parteimitglieder. Die Wehrmachtssoldaten dienten einem Unrechtsstaat, viele kämpften bis in den Mai 1945, aus Angst oder Loyalität, warum auch immer.

Der Wunsch nach Entlastung

Die nun wieder einsetzende Rede von „den Nazis“ ist ärgerlich, weil der Wissensstand und das Bewusstsein nach bahnbrechenden Büchern über „Ganz normale Männer“ (Christopher R. Browning), den Heydrich-Stellvertreter und Nachkriegs-Wendehals „Best“ (Ulrich Herbert) oder über „Hitlers Volksstaat“ (Götz Aly) schon weiter sein müssten. Im Terminus „die Nazis“ steckt der Wunsch nach Entlastung. Aber die Täter waren keine Monster. „Es gibt Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten“, hat der Auschwitz-Überlebende Primo Levi gesagt. „Wer gefährlich ist, das sind die ganz normalen Menschen.“ Nein, der Zweite Weltkrieg war ein deutscher Krieg, und die Verbrechen waren deutsche Verbrechen. Davon kommen wir nicht los.

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