Kriegsherr Barack Obama : Der Vorsichtige

Zwei Kriege hat er geerbt, jetzt muss er selbst einen Neuen führen: Bob Woodward analysiert in seinem Band "Obamas Kriege", warum Barack Obama so zögerlich zu den Waffen greift – und wie das US-Militär das sieht.

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Feldherr im Weißen Haus: Barack Obama.
Feldherr im Weißen Haus: Barack Obama.Foto: imago stock&people

Obamas Kriege“ – der Plural im Buchtitel klingt mit Blick auf Libyen fast prophetisch. Er stimmte zwar schon, als es nur um Afghanistan und den Irak ging: die beiden Konflikte, die der Präsident von seinem Vorgänger Bush geerbt hat. Aber angesichts der überraschenden Dynamik in Nordafrika würde man nun erst recht gerne wissen, von welchen Werten und Zielen sich Barack Obama leiten lässt, wenn er Truppen losschickt. Libyen ist sein erster selbstgewählter Krieg. In vielerlei Hinsicht agiert er ganz anders als Bush. Die USA sollen Teil einer Koalition sein, nicht unilateral handeln. Er möchte trotz Amerikas überragender Militärmacht keine hervorstechende Führungsrolle in diesem Einsatz übernehmen.

Seit kurzem sind zwei Bücher über Obama in deutscher Übersetzung auf dem Markt, die in den USA breite Resonanz fanden. David Remnick, Chefredakteur der Zeitschrift „The New Yorker“, hat eine umfangreiche Biografie vorgelegt. Bob Woodward, der in den 70er Jahren den Watergate-Skandal aufdeckte, schreibt fast jährlich einen Bestseller über präsidiale Politik. Diesmal seziert er, wie sich Obamas Afghanistanstrategie im Lauf des Jahres 2009 formte. (In jeder amerikanischen Buchbesprechung wäre jetzt der Hinweis zwingend, dass der Autor dieser Rezension selbst ein Buch über Obama verfasst hat; US-Medien überlassen es ihren Nutzern, ob sie darin einen Vorteil sehen, nämlich Kenntnis der Materie, oder ob sie eher einen Interessenkonflikt befürchten.)

Natürlich kommt Libyen in beiden Büchern nicht vor. Bücher haben einen anderen Zeittakt als Tageszeitungen. Es dauert Monate, sie zu produzieren. Wenn sie aus einer Fremdsprache übersetzt werden, vergeht leicht ein dreiviertel Jahr vom letzten Handgriff am Originalmanuskript bis zum Erscheinen im deutschen Buchhandel. Und doch können sie manchmal auf der Höhe der Zeit sein, weil sie zeitgeschichtliche Hintergründe und Charakeranalysen liefern, die dem Leser helfen, das Tagesgeschehen besser zu verstehen.

Wer im Frühjahr 2011 die ersten Seiten liest, fühlt sich zunächst um eine Epoche zurückgeworfen. Remnick führt uns in den März 2007 zurück. In Selma, Alabama, einem symbolträchtigen Ort der schwarzen Bürgerrechtsbewegung 1965, nimmt Obama den Wahlkampf als erster aussichtsreicher US-Präsidentschaftskandidat dunkler Hautfarbe auf. Woodward beginnt mit den geheimdienstlichen Unterrichtungen über die Weltlage, die Obama seit dem 6. November 2008 erhält, zwei Tage nach seinem Wahlsieg. Da ist Bush noch zweieinhalb Monate im Amt. Aber die ganze Schwere der Verantwortung legt sich bereits auf Obamas Schultern. Wie lange scheint das her!

Woodward knüpft rasch einen Faden zur Gegenwart. Nach und nach lässt er Obamas wichtigste Berater auftreten, die mit ihren Sichtweisen, Interessen und Konflikten die Kriegsdebatte über Afghanistan vorantreiben: Militärische Oberbefehlshaber, Geheimdienstler, Verteidigungsminister und Außenministerin, der Nationale Sicherheitsberater. Sowie das innenpolitische Küchenkabinett aus Strategieberater, Stabschef und Pressesprecher; diese drei bewerten die Handlungsoptionen vor allem nach den mutmaßlichen Folgen für die nächsten Wahlen.

Die Lektüre ist einerseits unterhaltsam, weil Woodward in raschen Zügen Charaktere und Temperamente, Stärken und Schwächen der Personen skizziert und zudem immer wieder Klatsch und Tratsch über persönliche Fehden serviert. Er hat mit den meisten Beteiligten gesprochen, auch über die Inhalte vertraulicher Sitzungen, und gibt dem Leser mit seinen Quasi-Protokollen das Gefühl, bei den entscheidenden Weichenstellungen hinter verschlossenen Türen dabei zu sein. Andererseits – und das ist wohl die größte Stärke des Buchs – breitet er die enorme Komplexität des Problems aus und die Abhängigkeit der Erfolgsaussichten von Faktoren, auf die nicht einmal die Weltmacht USA Einfluss hat: die psychische Labilität des Präsidenten Karsai; die verbreitete Korruption, die den Aufbau von Vertrauen der Afghanen in ihre Regierung verhindert; das Doppelspiel Pakistans, das sich von den USA mit Milliarden für das Bündnis gegen Al Qaida und Taliban bezahlen lässt, aber heimlich die Taliban unterstützt, weil es in ihnen die beste Garantie gegen den Einfluss des Erzfeindes Indien in Afghanistan sieht. Vieles lässt sich auf Libyen übertragen. Obama handelt vorsichtig, weil jeder Krieg neben dem Planbaren Überraschungen bereithält. Er scheut das Risiko, in der Außen- wie der Innenpolitik.

Die Amerikaner sind nach fast zehn Jahren in Afghanistan und acht im Irak kriegsmüde. Die Kosten steigen immer weiter. Dabei müsste das Land die Ausgaben wegen der Finanzkrise dringend reduzieren. Den Militärs geht es vor allem um die Sicherheit ihrer Soldaten. Sie verlangen noch mehr Truppen und bessere Ausrüstung, ohne im Gegenzug Erfolgsgarantien abzugeben. Rasch abziehen, das geht auch nicht. Nach monatelangem Für und Wider genehmigt Obama schließlich im Herbst 2009 eine weitere Verstärkung um 30 000 Mann. Sie ist aber verbunden mit der Festlegung, dass im Sommer 2011 der Rückzug beginnt. Schon bald kommt der nächste unvorhersehbare Rückschlag: Obama muss den Oberkommandierenden in Afghanistan, General McChrystal, feuern, weil der gegenüber einem Journalisten respektlose Bemerkungen über Regierungsmitglieder gemacht hat.

Woodward leistet wertvolle Aufklärungsarbeit über Sachzwänge, Motive und unauflösbare Widersprüche amerikanischer Kriegspolitik. Auffallend blass bleibt dabei die Rolle des Präsidenten, obwohl Woodward im Juli 2010 eine gute Stunde mit ihm sprechen durfte. Aber da war das Buch, das in den USA im September 2010 erschien, wohl, erstens, schon so gut wie fertig. Zweitens ist es typisch für Obama, dass er wenig über seine persönlichen Beweggründe verrät. Er gibt am liebsten den kühl-distanzierten Technokraten, der seine Entscheidungen ganz nach der Vernunft und ohne größere Gefühlsaufwallungen trifft.

Remnicks mehr als 900 Seiten starke Mammutbiografie enthält auch keine neuen Schlüssel zu Obamas Wirken als Präsident und Kriegsherr. Das Buch beschreibt seinen Lebensweg bis zum Wahlsieg, kaum dagegen die Amtszeit. Sein Wert liegt in der enormen Detailfülle, nicht in neuen Interpretationen, woher dieser Mann kommt und wofür er steht.

Im Grunde ist dies weniger eine Biografie Obamas als ein Geschichtsbuch der amerikanischen Gesellschaftsentwicklung seit den 1960er Jahren und der Faktoren, die 2008 die Wahl eines Afroamerikaners zum Präsidenten möglich machten. Auch Remnick hat Obama im Oval Office interviewt. Man erfährt mehr über die Veränderung der Einrichtung – eine Churchill-Büste wurde durch Büsten Lincolns und Martin Luther Kings ersetzt – als darüber, welchen Einfluss Obamas Familiengeschichte und Lebensweg auf sein Regieren haben: auf den Umgang mit der Finanzkrise, mit der Energiepolitik inklusive der Atomkraft oder den Kriegen.

Zuletzt: Wer genug Englisch kann, greift besser zu den Originalausgaben. Wenn sich gleich drei Übersetzer wegen des hohen Zeitdrucks die Arbeit teilen, sind Brüche in Stil und Erzählfluss wohl unvermeidbar. In Woodwards Buch leidet die Präzision der militärischen und strategischen Terminologie darunter.

Bob Woodward: Obamas Kriege. Zerreißprobe einer Präsidentschaft. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 496 Seiten. 24,99 Euro.

David Remnick: Barack Obama. Leben und Aufstieg. Berlin Verlag, Berlin 2010. 976 Seiten, 34 Euro.

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