Kriegsroman "Finsterland" von Viktor Niedermayer : Heimatbuch ohne Heimattümelei

Debütroman mit 88 Jahren: Der Kriegsroman „Finsterland“ von Viktor Niedermayer ist vor allem eine nahezu impressionistische Erzählung aus Einzelszenen - mit autobiografischen Elementen.

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Der Debütroman des 88-jährigen Viktor Niedermayer: "Finsterland".
Der Debütroman des 88-jährigen Viktor Niedermayer: "Finsterland".Foto: promo

Dies ist schon darum ein ungewöhnliches Buch, weil es das Debüt eines Mannes von 88 Jahren ist. Viktor Niedermayer wurde 1926 in Niederbayern geboren, hat in Südafrika und Kanada als Sportlehrer gearbeitet, war als Trekkingführer im Himalaya und ist schließlich als Skilehrer im schweizerischen Sils Maria geblieben. Für seinen autobiografisch grundierten Text, an dem er 20 Jahre lang gearbeitet hat, hat er eine einleuchtende Perspektive und einen schlüssigen Tonfall gefunden, eine Mischung aus Dialekteinflüssen und distanzierter Beobachtung.

„Finsterland“ ist, zumindest im ersten Teil, ein Heimatbuch ohne Heimattümelei. Im Gegenteil: Wie der junge Ich-Erzähler, der im niederbayrischen Straubing aufwächst, seine Umgebung, die nach und nach vom Nationalsozialismus infiziert wird, beobachtet, hat eine ungeheure Schärfe. Der Erzähler bleibt unbeteiligt: Mit dem bereits etablierten Katholizismus, wie seine Mutter ihn praktiziert, kann er nichts anfangen; der Nationalsozialismus wiederum, den sein Vater verehrt, ist ihm, ohne dass das so ausgesprochen wird, zu vulgär. An Regeln und Befehle, das merkt man im Lauf der Lektüre, kann Niedermayers Held sich nur schwer halten.

Ab Ende reißt er die Schulterklappen herunter

Niedermayers Technik ist fast impressionistisch: „Finsterland“ ist nicht an einem Plot entlanggeschrieben, sondern besteht aus vielen Einzelszenen, die sich zu einem Gesamtbild verbinden. Irgendwann ist dann Krieg; die ersten Luftangriffe werden geflogen und die ersten Häuser bombardiert. Der Ich-Erzähler ist mittlerweile in der HJ und wird im Gebirge ausgebildet: mit dem Ziel, im österreichisch-jugoslawischen Grenzgebiet auf Partisanenjagd zu gehen. Der Junge überlebt auch den letzten Einsatz; und froh, keiner Autorität mehr gehorchen zu müssen, reißt er sich im Schnee des Hochgebirges die Abzeichen und Schulterklappen herunter.

Viktor Niedermayer: Finsterland. Roman. Verlag Nagel & Kimche, München 2015. 206 S., 18,90 €.

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