Kritik : Zwei Räder, eine ganze Welt

Emanzipation beginnt im Alltag: Haifaa Al Mansours Spielfilmdebüt „Das Mädchen Wadjda“ lebt von der Energie seiner zwölfjährigen Hauptdarstellerin.

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Kämpferin. Wadjda (Waad Mohammed) wünscht sich ein Rad.
Kämpferin. Wadjda (Waad Mohammed) wünscht sich ein Rad.Foto: Koch Media GmbH

Wenn die Bauarbeiter auf dem Dach des Nachbarhauses erscheinen, müssen die Mädchen sofort den Schulhof räumen. Denn der Anblick ihrer unverschleierten Gesichter stellt einen Affront dar für die Männer oben auf dem Dach. Was für westliche Zuschauer absurd wirkt, gilt in Saudi-Arabien als normal.

Der Alltag in dem Land, in dem mit dem Wahabismus eine besonders strenge Form des Islam zur Staatsreligion erhoben wurde, ist für Frauen kompliziert. Sie dürfen weder Auto fahren noch öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Selbst das Fahrradfahren ist Frauen untersagt. Um zur Arbeit zu kommen, müssen sie Fahrer engagieren.

In „Das Mädchen Wadjda“ erzählt die saudische Filmemacherin Haifaa al Mansour die Geschichte eines Mädchens, das sich nichts sehnlicher wünscht als ein Fahrrad. Die Mutter (Reem Abdullah) winkt nur müde ab. Was für eine Idee! Viel zu teuer, sie wisse doch ganz genau, dass Mädchen nicht Rad fahren. Außerdem hat die Mutter andere Sorgen. Ihr Ehemann steht offenbar kurz davor, sich eine Zweitfrau zu nehmen, die ihm endlich einen Stammhalter gebären soll.

Aber Wadjda gibt nicht so schnell auf. Um das Geld für das Fahrrad zusammenzukriegen, das beim Kaufmann um die Ecke in bunter Schönheit erstrahlt, verkauft sie selbst gemachte Armbänder und übernimmt Botendienste zwischen heimlich Verliebten. Und beteiligt sich sogar an einem Koranwettbewerb, lernt die Suren auswendig und versucht die Jury mit ihrer schönen Stimme zu überzeugen. Haifaa al Mansour ist die bisher einzige Filmregisseurin Saudi-Arabiens – ein Land, in dem Filmemachen für eine Frau noch abwegiger ist als Fahrradfahren. Auf dem Papier wirkt das Projekt wie eine typische Koproduktion, die das Schicksal der Frauen im Islam anprangert und an feministische Fürsorgeinstinkte eines westlichen Publikums appelliert. Aber die Regisseurin schert sich, fernab mitleidheischender oder kämpferischer Posen, wenig um politisch korrektes Multikultikino.

„Das Mädchen Wadjda“, in Saudi-Arabien gedreht, erzählt seine emanzipatorische Geschichte aus dem Alltag heraus. Al Mansour fängt die Diskriminierung in Seitenblicken ein, ohne Wadjdas hartnäckigen Kampf aus den Augen zu lassen. Die zwölfjährige Waad Mohammed strahlt in der Titelrolle große Lebensenergie und einen schönen Willen zur Unkonventionalität aus. Und die Regisseurin schaut zärtlich auf ihre junge Heldin, die am Ende ihr eigenes Stück Zukunft in den Händen hält. t

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