Künstlerin Alice Lex-Nerlinger : Kunst für Snobs? Nein, fürs Volk

Eine Entdeckung: die Fotografin und Malerin Alice Lex-Nerlinger widmete sich vor allem dem Proletariat und den Frauen. Das Verborgene Museum zeigt ihre Werke in einer Retrospektive.

Carolin Haentjes
Frau am Arbeitsplatz. „Die Sekretärin“, circa 1928.
Frau am Arbeitsplatz. „Die Sekretärin“, circa 1928.Alice Lex-Nerlinger/AdK Berlin

In den 20er Jahren gehörte sie zur internationalen Foto–Avantgarde. Alice Lex-Nerlinger war in so wichtigen Ausstellungen vertreten wie 1929 in der legendären Stuttgarter Schau „Film und Foto“. Als einzige Fotografin wurde sie in Werner Graeffs einflussreichem Lehrbuch „Es kommt der Fotograf“ besprochen. Dennoch wurde sie vergessen. Bis Mitte der 2000er Jahre die US-Kunsthistorikerin Rachel Epp Buller an der Berliner Akademie der Künste zu recherchieren begann, wo sich der Nachlass befindet. In Zusammenarbeit mit der Akademie und dem Verborgenen Museum Berlin ist nun die erste Retrospektive zustande gekommen.

Die Tochter eines Kreuzberger Lampenfabrikanten besuchte während des Ersten Weltkrieges die Unterrichtsanstalt am Kunstgewerbemuseum. Wie für ihre Kommilitonen, darunter George Grosz und Oskar Nerlinger, den sie später heiratete, thematisierte sie die traumatische Erfahrung des Kriegs. Mit „Feldgrau schafft Dividende“ (1931) prangert die Künstlerin die kapitalistische Profitsteigerung durch den Krieg an: Von einer Fabrik im Hintergrund steuert ein Waffentransport direkt auf einen schreienden Soldaten zu, der – in Stacheldraht verheddert – die Hälfte des Bildes einnimmt.

Im Berlin der 20er Jahre, einem Experimentallabor expressionistischer, dadaistischer und futuristischer Rebellen, probiert sich Lex-Nerlinger in verschiedenen Stilen und Medien aus, immer auf der Suche nach politisch wirksamen Ausdrucksmitteln. 1927 tritt Lex-Nerlinger der KPD bei und der ASSO, der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands, die Kunst als Waffe im Klassenkampf einsetzt.

Lex-Nerlinger zeigt, wie die arme Mehrheit sich verschwendet

Die Jahre bis 1933 sind ihre produktivsten. Sie malt, verwendet Spritztechnik, fotografiert und montiert. Jedes Mal werden Motiv, Form und Material so ausgewählt, dass die kritisch-revolutionären Botschaften auf den Punkt gebracht sind: verständlich für alle und so, dass die Werke verbreitet werden können. „Alle meine Arbeiten wurden getragen von der Idee, daran mitzuwirken, das Leben der Menschen zu verbessern, und nichts erschien mir sinnloser für einen Künstler, als Kunst für Snobs zu malen, in einer Zeit, in der das Volk immer mehr verelendete“, schreibt sie in ihren Erinnerungen, die im Katalog erstmals abgedruckt sind.

Die Fotomontage „Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten“ von 1928 beispielsweise illustriert den Alltag der Proletarier: ein stumpfsinniger Wechsel zwischen maschineller Produktion und dem hastigen Verschlingen trockenen Brots – Leben im Akkord. Die Uhr in der lederbehandschuhten Hand des Kapitalisten gibt den Rhythmus vor. Er macht sich die Finger nicht schmutzig. Mit dem Fotogramm „Arm und Reich“ (1930) formuliert Lex-Nerlinger den Klassenunterschied noch expliziter: Stereotypisch steht hier der Kriegsinvalide dem Kaffeehausbesucher gegenüber, der Bauarbeiter dem Tennisspieler. Während die reiche Minderheit ihr Leben individuell gestalten kann, verschwendet sich die arme Mehrheit in gleichförmiger Fron.

In ihren Bildern ist die Frau kein Opfer - sie zeigt solidarische Stärke

Lex’ Parteinahme für die Proletarier gilt besonders den Frauen. In der 1928 begonnenen Serie „Berufstätige Frauen“ porträtiert sie eine halb von Maschendraht verdeckte Geflügelzüchterin oder eine über ihre Nähmaschine gebeugte Schneiderin, die in Doppelbelichtung von ihrem Jungmädchenglück träumt. Zu weiblicher Selbstbestimmung braucht es mehr als Berufstätigkeit – das zeigt auch ihre berühmteste Arbeit, der „Paragraph 218“. Die Künstlerin wendet sich hier gegen das Gesetz, das Abtreibungen unter Gefängnisstrafe stellte. Auf dem in Spritztechnik angefertigten Bild schiebt sich die Silhouette einer gesichtslosen Schwangeren vor eine Gruppe von Frauen, die ein gigantisches Kreuz umstoßen, auf dem „Paragraph 218“ steht. Viele kommunistische Künstler der Zeit bekämpften das Gesetz. Das Besondere an Lex’ Bild, das 1931 beschlagnahmt wurde, besteht darin, dass es die Frauen nicht als Opfer darstellt, sondern ihre solidarische Stärke betont.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten durfte die Künstlerin nicht mehr ausstellen. Aus Angst vor Hausdurchsuchungen zerstörte sie selbst Teile ihres Werks, der Zweite Weltkrieg tat ein Übriges. Zwar arbeitete Alice Lex-Nerliner weiter bis an ihr Lebensende 1975 in der DDR, aber unter dem Verdikt des „Sozialistischen Realismus“ waren die Fotomontagen, die sie so hervorragend beherrschte, als formalistisch verschrien. Die bleibende politische Schlagkraft ihrer Arbeiten indes bewies sich erneut während der Frauenbewegung der 70er Jahre, als das Bild „Paragraph 218“ wieder aufgegriffen wurde. In der Berliner Retrospektive ist nun die ganze Bandbreite ihres Schaffens zu sehen.

Verborgenes Museum, Schlüterstr. 70, bis 7.8., Do-Fr 15-19 Uhr, Sa-So 12-16 Uhr, Katalog (Lukas Verlag) 30€.

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