Künstlerin Barbara Quandt : Wer malt, muss brennen

Barbara Quandt gehörte zum Kreis der Neuen Wilden in Berlin. Jetzt hat die Künstlerin ihre Autobiografie geschrieben und zeigt ihre Bilder. Ein Treffen.

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Farbenpower. Barbara Quandt lebte in London und New York und hat heute ihr Wohnatelier in Kreuzberg.
Farbenpower. Barbara Quandt lebte in London und New York und hat heute ihr Wohnatelier in Kreuzberg.Foto: Mike Wolff, © VG Bildkunst

Als Barbara Quandt neulich in der Kommunalen Galerie in Wilmersdorf las, gab es im Publikum überraschte Gesichter. Die Frau war mal ein Punk? Mit ihrer gepflegten Erscheinung, den kinnlangen Haaren und roten Lippen sieht sie gar nicht danach aus. Aber wenn man davon ausgeht, dass es beim Punk nicht nur um Klamotten und Frisuren geht, sondern um eine Einstellung zum Leben, dann ist sie wohl immer noch Punk. Sie malt, was sie will, unabhängig von dem, was die Zeiten gerade verlangen. Und sie nimmt die Dinge gern selbst in die Hand.

Nun hat die Berliner Malerin, deren Werke in dieser Stadt viel zu selten zu sehen sind, ihre Autobiografie veröffentlicht. Außerdem zeigt sie in der Kommunalen Galerie Bilder von 1977 bis heute. Der rote Faden der Schau sind ihre Reisen: London, New York, Buenos Aires. Und dazwischen immer wieder Berlin. Auf dem Hauptgemälde ist die Künstlerin selbst zu sehen, ziemlich sexy in Stilettos und schwarzem Minikleid, den Rücken zum Betrachter, Arme und Beine gespreizt. „Tell me what is Art“ steht zwischen ihren ausgebreiteten Armen. Das Selbstporträt entstand 1978 während eines Stipendiums in London. „Ich war mein bestes Modell, mit mir konnte ich machen, was ich wollte“, schreibt sie in ihrem Buch. Damals liebt sie es, sich in schrille Klamotten zu hüllen, auf den Selbstauslöser zu drücken und die Fotos als Vorlagen für ihre Malerei zu nutzen.

In der Malklasse von Karl Horst Hödicke

Berlin ist Mitte der 70er Jahre Partyhauptstadt. Zumindest für junge Menschen wie Quandt, sie hat Spaß und malt die saufende, kiffende Meute. Weg will sie trotzdem. „Manchmal fühlte man sich in der Mauerstadt auch eingeengt“, sagt sie beim Gespräch in ihrem Kreuzberger Atelier. Sie bewirbt sich für ein DAAD-Stipendium in London. Es klappt. Wie so vieles in ihrem Leben scheinbar mit Leichtigkeit klappt. Sie taucht in die Punkszene ein, sieht die Sex Pistols im „Rainbow“, besucht Hunderennen, Flohmärkte, alles ist neu und aufregend. Sie malt, was das Zeug hält, wie berauscht von der Musik und von der vibrierenden Stadt. Zwei Bilder aus dieser Zeit bilden den Auftakt ihrer Ausstellung. Eines zeigt zwei Punkmädchen in Überlebensgröße, bunt gefärbte Haare, die Augen mit schwarzem Lidschatten umrandet. Quandt zeigt sie in knappen Miederhöschen, rotzig und grell, als könnten die beiden jederzeit einen Spruch in den Ausstellungsraum schleudern. Quandts Malerei ist voller Energie und Lebenshunger. So kann nur jemand malen, der innerlich brennt.

1947 kommt sie im Wedding zur Welt, spielt in den Trümmern Berlins, ihre Kindheit ist glücklich. Mit 15 Jahren beginnt sie eine Ausbildung als technische Zeichnerin, arbeitet bei Siemens, bei Schering zweckentfremdet sie dann bereits den betriebseigenen Kopierer für ihre künstlerischen Experimente. 1970 bewirbt sie sich an der Hochschule der Künste und wird angenommen. Sie studiert in der Malklasse von Karl Horst Hödicke, wie auch die späteren Neue-Wilden-Künstler Helmut Middendorf und Salomé.

Halb nackt auf dem Bügelbrett

Von Anfang an interessiert sie sich in ihrer Malerei für Menschen. Sie gibt Malkurse in der Jugendstrafanstalt Plötzensee, porträtiert die Inhaftierten, auch Freunde und Punks. Weil sie es nicht mag, von den Modellen und ihren Launen abhängig zu sein, malt sie bald nur noch sich selbst. Und die Männer in ihrem Leben. Der Körper, die Sexualität, die Liebe sind wichtige Themen in ihrer Malerei. Eines Tages malt sie sich halb nackt auf einem Bügelbrett liegend. Als sie das Bild in einer Kreuzberger Ausstellung zeigt, wettert die „taz“: Pornografie!

In der aktuellen Ausstellung sind außerdem ein paar kraftvolle Bilder von küssenden oder ineinander verschlungenen Paaren zu sehen. Quandt hat oft Paare gemalt, auch in New York, wo sie 1982 eines der begehrten Stipendien am Kunstzentrum P.S.1. ergattert. Während in Deutschland die figürliche Malerei eine kurze, heftige Renaissance erlebt, taucht Quandt ins heruntergekommene Queens ein. Eigentlich sollen die Stipendiaten nicht in den Malerateliers wohnen. Quandt tut es trotzdem. Sie kann am besten arbeiten, wo sie auch wohnt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Quandt ist ständig unterwegs

In einem blau-rot geblümten Etuikleid sitzt sie auf einem Sofa in ihrem Atelier in der Köpenicker Straße. Durch die riesigen Fenster fällt das Vormittagslicht. „Diese New-York-Bilder habe ich seit 35 Jahren nicht mehr gezeigt“, sagt sie. Es sind Paare im Hollywood-Stil, er im Anzug, sie im Kostüm. Große Gefühle, großes Drama, direkt auf Kleiderstoffe gemalt. Zurück in Berlin zieht Quandt ins Künstlerhaus Bethanien, die Partynächte in Punkclubs wie dem „Chaos“ sind lang. Aber sie hat neue Pläne: Afrika. Mit neuen Orten, kommt oft auch ein neuer Malstil, findet sie eine neue Technik. In Tansania malt sie auf Packpapier und hängt ihre Bilder an Besenstielen auf.

Quandt ist ständig unterwegs und kehrt doch immer wieder zurück. 1987, zur 750-Jahrfeier Berlins, bekommt sie von den Festspielen den Auftrag ein Berlin-Bild zu malen. Ihr Berliner Bär, der kraftlos an der Mauer entlangschlurft, wird anschließend in vielen Ländern ausgestellt. Auch den Mauerfall fasst sie ins Bild: mit einer wackelnden Quadriga, kotzenden Pferden und einem Strauch Bananen, der über allem hängt.

Es läuft gut, aber nie von selbst

Die Fabriketage, in der sie heute lebt, hat Quandt kurz nach dem Mauerfall gekauft. „Das hat mich schon so manches Mal gerettet, wenn finanziell nicht viel lief“, erzählt sie. Zum Beispiel in den 90ern, als alle nur noch Videos und Installationen zeigen wollten, am liebsten von Künstlern aus dem Osten. Sie bleibt trotzdem bei der Malerei, findet wieder Galerien. Und Sammler, die ins Atelier kommen und gleich mehrere Bilder kaufen. Es läuft gut, aber es läuft nie von selbst.

Auch jetzt hat sie sich selbst gekümmert, die Tagebuchaufzeichnungen sortiert, ihre Memoiren geschrieben, einen Ausstellungsraum organisiert. Diese Frau hätte schon in den 80ern wie eine Rakete durch die Decke gehen können – wie einige ihrer männlichen Kollegen. Vielleicht war die Zeit damals nicht reif für die Gefühlswelt einer malenden Frau.

Kommunale Galerie, bis 30.10., Di–Fr 10–17 Uhr, Mi 10–19 Uhr, So 11–17 Uhr. „Tell me what is Art“, Kerber Verlag, 384 S., 38 €.

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