Kultur : Künstlerpaar Lambertz-Reese: Eine Collage als Hommage

Caroline Fetscher

Ein ungewöhnliches Buch wollte Maria Reese schreiben. Ein Portrait ihres Mannes sollte es werden, eine Hommage an ihn und eine Collage aus Bildern, Texten, Briefen und Zitaten. Das durchdringende Motiv ist der Verlust. Denn Maria Reese verlor ihren Mann Carl Lambertz und wünscht sich seither, seinen Tod zu begreifen und ihn nicht zu begreifen. Auf dem Steg zwischen diesen beiden Wünschen balanciert ihr Buch "In Bildern drückt sich meine Trauer aus", mit dem Untertitel: "Abschied von meinem Mann, dem Maler Carl Lambertz" (Radius Verlag, Stuttgart 2001, 360 S., 49,80 DM).

Jahrzehntelang, bis zu seinem Tod im Februar 1996, lebte das Künstlerpaar Lambertz-Reese im gemeinsamen Atelier in Groß Wittensee in Schleswig-Holstein, an einem See nordwestlich von Kiel. Beide, sie 1942 geboren und er 1910, engagierten sich intensiv in der Kulturwelt ihrer norddeutschen Region. Ohne egoistische Ambition widmeten sich die beiden immer wieder denselben Themen: Aufklärung der nationalsozialistischen Vergangenheit, Freiheit des persönlichen Ausdrucks in der Kunst. Ihr gemeinsames Atelier war Open House. Kaum einen in der Region gibt es, von Ministerpräsidentin Heide Simonis bis zum Dorfpfarrer und Nachbarn, der das für Schleswig-Holsteinische Verhältnisse exzentrisch wirkende Paar nicht kannte und schätzte.

Durch die Bilder und Fotografien in Maria Reeses Erinnerungsbuch klingen Töne von Kalifornien in den 70er Jahren, von Landkommunen und Workshops. Und es findet sich auch ein Hauch der 20er Jahre Westeuropas, der Zeit, als die entscheidende Weggabelung sich auftat. Reese und Lambertz wären den anderen Weg gegangen, den demokratischen. Mit Leuten wie uns könnte ein Staat keinen Krieg planen, das scheinen beide sagen zu wollen - mit allem, was sie unternahmen.

Eine Erinnerung von Lambertz an ein Verhör durch die lokale Gestapo fügt Reese dem Band bei: "Ich dachte: Warum schlägt dich dein Nachbar? Was hast du ihm getan? Du warst doch immer freundlich, und er grüßte dich auch." Zehn Monate verbrachte Lambertz in Einzelhaft. In seinem Bild "Der Diktator" malte er später eine kubistisch gebrochene Figur ohne Ohren: Diktaturen hören nicht.

Gereist sind die beiden Künstler kaum. Ob stoisch oder störrisch, sie blieben stets am Ort. Seit 1951 war Lambertz Vorsitzender des Schleswig-Holsteinischen Künstlerbundes. Mit ihrer außergewöhnlichen Assemblage von Abbildungen und Faksimiles setzt Reese nicht nur ihrem verstorbenen Mann ein Denkmal. Nahezu märchenhaft mutet der Schluss des Buches an, den sie unter ein Motto aus Psalm 126 stellt: "Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten." Auf diesen Seiten findet sich das Foto eines anderen Paares: Helmut und Maria Kindler, Verleger. Maria Reese lernte nach dem Tod ihres Mannes, 1998, den damals 85-jährigen Helmut Kindler kennen. Er war ebenfalls 1996 verwitwet und in Trauer. Beide beschlossen zu heiraten und leben seither zusammen. "Nina und Carl waren unsere unsichtbaren Trauzeugen", schreibt Reese. Gemeinsam mit Helmut Kindler engagiert sie sich jetzt wieder - gegen Rechtsradikalismus zum Beispiel, und für die Kunst. Den Lebensmut dieser beiden bewundern alle, die sie kennen.

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