"Kuffar - Die Gottesleugner" am Deutschen Theater : Türkischer Essig

Großes thematisches Potential, das in der Praxis leider verschenkt wird: Nuran David Calis’ Generationenpanorama „Kuffar – die Gottesleugner“ am Deutschen Theater.

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Christoph Franken als Videoblogger Hakan
Heiß auf Likes. Christoph Franken als Videoblogger Hakan auf der Leinwand, davor Almut Zichler und Harald Baumgartner als Eltern.Foto: dpa

„Der Islam ist einfach der Ferrari unter den Religionen“, ruft Hakan von der Rampe und macht dazu ein seltsam entrücktes Gesicht. „Immer geil, immer oben!“ Ja, mit solchen lustigen Instant- Botschaften versorgt der junge Mann – ein Arzt, der verbotenerweise „ausrangierte Geräte und abgelaufene Medizin in die Kampfgebiete“ nach Syrien geschickt und deshalb seinen Job verloren hat – das Publikum gern in Nuran David Calis’ Hundertminüter „Kuffar. Die Gottesleugner“.

Noch lieber allerdings bringt Hakan, der sich kürzlich außerdem von seiner Frau getrennt und wieder bei den Eltern eingemietet hat, seine Erkenntnisse als Videoblogger Abu Ibrahim unters Volk. Nach jedem Auftritt, den er – stets noch ein bisschen seltsamer entrückt als beim Rampenvortrag – im Netz absolviert, schnellen die Likes und Follower-Zahlen rasant nach oben. Das wird alles auf den überdimensionalen weißen Quader projiziert, den Anne Ehrlich in die Mitte der Kammerbühne des Deutschen Theaters gebaut hat und der ansonsten in einer ziemlich naheliegenden Eins-zu-eins- Symbolik als Trennwand fungiert.

Denn mindestens zwei Menschen folgen Hakan alias Abu Ibrahim schon mal dezidiert nicht: seine Eltern Ayse und Ismet, die früher in der Türkei zur revolutionären Linken gehörten und im Zuge des Militärputschs 1980 nach Deutschland geflüchtet waren, um ihrem (damals noch ungeborenen) Sohn „ein Leben in Freiheit“ zu ermöglichen. Und nun sitzt dieses Kind der Freiheit 36 Jahre später also im elterlichen Wohnzimmer und gibt mit offensiver Verachtung zu Protokoll, wie armselig die Alten „sich eingerichtet“ hätten in ihrer deutschen Wohlstandsanbetung.

Wie schön, wenn's so einfach wäre

Da kann man Hakan, der einem ansonsten leider herzlich fern und egal bleibt an diesem Abend, fast mal ein bisschen verstehen. Denn Wohlstandsanbetung hin oder her: Ein Ehe-Idyll ist es tatsächlich nicht, was sich Almut Zilcher als Ayse und Harald Baumgartner als Ismet da gegenseitig offerieren. Ayse, die eigentlich gar nicht wegwollte aus der Türkei, scheint mit ziemlich großem Energieaufwand den Reflex niederzukämpfen, ihren Mann nur noch als „Feigling“ wahrzunehmen. Und Ismet kontert die unausgesprochenen Vorwürfe mit lupenreinem Eskapismus. Er schreibt für eine Gewerkschaftszeitung, die keiner liest. Über Dinge, von denen er – wie Ayse findet – keine Ahnung hat. Wobei der Gerechtigkeit halber erwähnt sei, dass von Ayses eigener Karriere als Tanzlehrerin in der Volkshochschule auch nur ein paar magere Gelegenheitshüpfer zwischen Couch und Küche übrig geblieben sind.

Systemwechsel, Generationskonflikt, Migration, Religion, politischer und privater Illusionsverlust: Was für ein thematisches Potenzial, das der Autor und Regisseur Nuran David Calis, der selbst türkisch-armenische Wurzeln hat, hier aufschüttet! Aber leider nur theoretisch. Denn in der Praxis wird es unfassbar verschenkt – ganz gleich, welche Ebene, welchen Handlungsstrang man verfolgt.

Die (Haupt-)Geschichte von der Radikalisierung Hakans zum Beispiel, in den sich der Schauspieler Christoph Franken mit einem immensen Darstellungseifer geradezu hineinkniet: Statt eines bis vor Kurzem vollumfänglich ins Berufs- und Sozialleben integrierten Arztes, der sich offenbar über diverse Desillusionierungs- und Sinnverluststufen zum Islamisten entwickelt, hat man hier eher das Gefühl, einem abendfüllend wunderlichen Kauz mit regelmäßig wechselnden Aggressions-, Weinerlichkeits- und Entrückungsaffekten zuzusehen. Wie schön, wenn’s so einfach wäre! Harald Baumgartner wiederum hält sich als Hakans Vater Ismet die Welt mit einem derart distanziert über die Dinge huschenden Tonfall vom Leib, dass er jeden potenziellen Zündstoff vollumfänglich mitkassiert.

Rarer Lichtblick ist Almut Zilcher

Schwer haben es auch die jugendlichen Ausgaben von Ayse und Ismet, Vidina Popov und Ismail Deniz. Zwischen linken Idealen, brutalen Folterberichten und wechselseitigen erotischen Anziehungschoreografien müssen sie die türkische Handlungsebene anno 1980 schultern und dabei ziemlich viele hölzern klingende Sätze sagen. „Komm, lass uns abhauen von hier, in den Westen“, ruft Ismet Asye da etwa zu. Darauf sie: „Und was ist mit all den Menschen hier? Soll der Kampf umsonst sein?“ Dass Calis dafür auch szenisch keine zündenden Ideen hat, macht die Sache nicht besser. Die zusehends ermüdenden Dialoge werden entweder nebeneinander stehend in Mikrofone gesprochen oder aber kollektiv sitzend über den Familientisch hinweg.

Ein rarer Lichtblick ist Almut Zilcher, die – hin- und hergerissen zwischen ihrer eigenen Weltsicht und der erst mal bedingungslosen Liebe zum sich entfremdenden Sohn – wenigstens momentweise so etwas wie Nuancen und innere Entwicklungsprozesse spielt: gemessen am Gesamtfuhrpark fast schon der Ferrari des Abends.

wieder am 15. und 27. Dezember

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