Kultur : Kultur-Tipps: Über dichtende und reitende Denker

Bruno Preisendörfer

Wenn man an Respektlosigkeit gegenüber Zelebritäten Spaß hat, könnte man sagen: Er war ein verrückter Kerl, der geprügelten Pferden um den Hals fiel; der in der Theorie die Wahrheit für ein Weib hielt, zu dem man mit der Peitsche geht; der sich aber in der Praxis liebend gern vor den Karren einer gewissen Lou Andreas-Salomé spannen ließ und dabei stöhnte: gibs mir, gibs mir. Als Denker gehört er zu denen, die man bei ihren eigenen Worten wie an einem Schopf packen muss. Seine philosophischen Texte schließt man nicht auf mit den Tricks der Jungs vom philologischen Schlüsseldienst, sondern man tritt ihnen am besten die Tür ein und beraubt dann ihre Waffenkammer. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: "Unbekümmert, spöttisch, gewalttätig - so will uns die Weisheit." Also: Auf ihn mit Gebrüll. Aber Vorsicht, er ist gefährlich, auch dann noch, wenn er einen auf rührselig macht. Und obwohl er vor hundert Jahren gestorben ist, bleibt er weiter lebendig. Morgen um 20 Uhr kann man im Literarischen Colloquium zusehen, wie Rüdiger Safranski mit ihm zurechtkommt. Als Biograf ist Safranski, wie sich das fürs Genre gehört, kein Vorkämpfer, sondern ein Nachversteher: von Schopenhauer und Heidegger und jetzt eben auch von - Nietzsche.

Ein Journalist reitet auf einem Esel von Koblenz nach Magdeburg und schreibt darüber ein Buch. Der Verlag bringt uns dieses Buch folgendermaßen nahe: "Welche Abenteuer Lorenz Schröter erlebte und wie die Welt durch die Augen eines Esels erscheint, lassen Sie sich am besten vom Autor selbst erzählten." Also: Am Montag um 19 Uhr können Sie sich im Club der Visionäre (Am Flutgraben 1 in Treptow) von Lorenz Schröter erzählen lassen, "wie die Welt durch die Augen eines Esels erscheint".

Seit dem "poetischen Roman" "Fitchers Blau" von 1996 gehört Ingo Schramm zu den Fleißigen unter den Berliner Schriftstellern. Am Freitag liest er um 20 Uhr im Domizil (im Berliner Dom) aus seinem neuen Roman "Die Feigheit der Fische".

In der letzten Woche ist ein Halbsatz aus der Spalte gepurzelt, mit dem ich Freud ins 19. Jahrhundert zurückschicken wollte, wo er meiner Ansicht nach hingehört. Durch die Fehlleistung entstand im Gegenteil aber der Eindruck, dass ich erstens glaube, Freuds Theorie sei immer noch in Mode, was sie ganz bestimmt nicht ist, und dass ich das zweitens auch richtig finde, was ich ganz bestimmt nicht tue. Man könnte sich über Freud in der gleichen Weise äußern wie Max Weber über Karl Marx. Weber bewunderte Marx so, wie ein moderner Mensch eine prähistorische Höhlenmalerei bewundert, und sprach von der "großartigen Primitivität des Kommunistischen Manifestes". Ähnlich könnte man von der großartigen Primitivität der "Traumdeutung" sprechen. Die Menschheitseinteilung in der letzten Kolumne stammte von Ortega y Gasset. Der Autor des Satzes, mit dem dieses mal die Kolumne aufhört, dürfte nach ihrem Anfang nicht schwer zu erraten sein: "Das tiefe, eisige Misstrauen, das der Deutsche erregt, sobald er zur Macht kommt, ist immer noch ein Nachschlag jenes unauslöschlichen Entsetzens, mit dem Jahrhunderte lang Europa dem Wüten der blonden germanischen Bestie zugesehen hat (obwohl zwischen alten Germanen und uns Deutschen kaum eine Begriffs-, geschweige eine Blutsverwandtschaft besteht)."

0 Kommentare

Neuester Kommentar