Kulturvermittlung : Das Leben ist ein Schnupperkurs

Paula Böttcher war Galeristin, schmiss dann hin. Heute lebt sie als Kulturvermittlerin in der Uckermark.

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Ich bin dann mal weg. Paula Böttcher beim Lauf durch den Wald – und im Sand der Uckermark. Fotos: privat
Ich bin dann mal weg. Paula Böttcher beim Lauf durch den Wald – und im Sand der Uckermark. Fotos: privat

Das Foto mit dem Weglaufen findet Paula Böttcher besonders passend. Aufbruch, in Bewegung bleiben, Menschen und Aufgaben entgegenlaufen – nur ja keine Routine, das ist das Lebensmotto der gebürtigen Chemnitzerin. Ende 2008 ging es von Berlin in die Schorfheide. Biosphärenreservat, Grillengesang – ein Rückzugsort, um ihre Dissertation zu schreiben. Die ist zwar noch nicht beendet, aber gedanklich ist Paula Böttcher bereits wieder in Richtung Stadt unterwegs. Wohin, wem oder was entgegen, ist offen. Auf jeden Fall nicht zum schnellen Erfolg.

Dem hat sie schon als Galeristin misstraut. Dabei eilte Paula Böttcher 1997 in Mitte der Ruf einer großen Karriere voraus. „Ich war jung und kam selbst aus der Kunst, das hat die Leute interessiert“, sagt die heute 38-Jährige, deren Erscheinung immer noch jugendlich anmutet. „Durch diese Vorschusslorbeeren habe ich mich aber auch fremdbestimmt gefühlt und mir mehr und mehr Steine in den Weg gelegt.“ Diese Anti-Haltung wurde zum Markenzeichen Paula Böttchers. 2001 platzt in die Vorbereitungen zur Art Cologne die Nachricht vom Afghanistankrieg. Paula Böttcher trommelt ihre Künstler zusammen und sagt: „Ich hänge keine Bilder auf, solange Krieg herrscht!“ Nicolai Angelov verwandelt die Koje mit alten Messeplatten in ein hermetisches Labyrinth. Ein politisches Statement, aber auch ein Versuch, aus dem herkömmlichen Galeriebetrieb auszubrechen.

„Die Kollegen haben das registriert, aber brav ihre Bilder verkauft“, sagt sie und lacht. Die Enttäuschung ist spürbar, auch heute noch. „Paula Böttcher hat 18 000 Mark in den Sand gesetzt, aber das System läuft einfach weiter.“ Sie hält inne, und während Sohn Anael quietschvergnügt über die Wiese krabbelt, fügt sie nachdenklich hinzu: „So eine altruistische Haltung hält man nicht durch, höchstens bis zum verflixten siebenten Jahr. Das halten auch die Künstler nicht durch. Die müssen ja auch leben.“

Die Nerven ihrer Künstler hat sie als Galeristin wohl mehr als einmal strapaziert. Während die Kollegen ihre vornehmste Aufgabe darin sahen, mit Sammlern essen zu gehen, verputzte Paula Böttcher mit Vorliebe Wände, baute Ausstellungen auf und suchte die Auseinandersetzung in den Ateliers. „Das Repräsentieren war nie mein Ding. Dabei ist das natürlich total wichtig. Man hätte das ausbauen können. Aber ich habe als Mensch diesen Strukturen nicht entsprochen, außerdem hatte ich keinen finanziellen Rückhalt. Die ganze Basisarbeit und das Konzeptionelle fanden dann irgendwann nicht mehr statt.“

Dabei war es gerade das, was sich die Kunststudentin vom Galeristendasein erträumt hatte. Natürlich verlief auch das Studium nicht stromlinienförmig. Bildwelten schaffen wollte sie. Hat immer gezeichnet und viel gelesen. Bucheinbandgestaltung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein schien da mit 18 Jahren ein guter Kompromiss. Aber Kompromisse sind Paula Böttchers Sache nicht. Dem engen Halle entfloh sie bald nach Leipzig an die Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Während eines Gastsemesters in Budapest kamen erste Zweifel. Sie studierte Wandmalerei, lernte Ungarisch – vor allem aber beschäftigte sie sich intensiv mit Marcel Duchamp. Sein Diktum, ‚die Kunst wieder in den Dienst des Geistes zu stellen’, wurde wegweisend. Paula Böttcher malte ihr letztes Bild und wechselte zurück in Leipzig zur Konzeptkünstlerin Astrid Klein. „Von ihr habe ich gelernt, die theoretische Auseinandersetzung als Basis für das eigene Tun zu akzeptieren. Für eine Klassenausstellung habe ich mit einem Meinungsforscher eine Umfrage mit Besuchern entwickelt. Da war der Vermittlungsaspekt bewusst oder unbewusst schon da, und neben dem Studium konnte ich das als Assistentin in der Dogenhaus-Galerie vertiefen. Die Obsession, Künstler sein zu wollen, hat mir gefehlt, und auch das Selbstbewusstsein. Die Rolle, diejenigen zu vertreten, die das nötige Selbstbewusstsein haben, meinte ich besser ausfüllen zu können.“ Lachend ergänzt sie: „Das war natürlich auch ein Trugschluss.“

Im Jahr nach der Galerieeröffnung erlangt Paula Böttcher ihr Fotografiediplom. Das Thema: „Wie macht man eine gute Gruppenausstellung, wenn man nur einen Raum zur Verfügung hat?“ „Das war angesichts des genormten Kunstbegriffs, der in Leipzig damals noch herrschte, ein ungewöhnliches Experiment. Mein Kunstwerk war die Galerie!“

Eine „heilige Halle“ für Ideen und Gedanken sollte es werden, mit einer offenen Tür, zur Kommunikation mit der Gesellschaft, schreibt Paula Böttcher 2003 in dem „offenen Brief“, mit dem sie das Ende ihrer Galerie verkündet. Von „fließbandartig marktorientierter Trivialästhetik und opportuner Haltung“ ist da die Rede. „Längst sind Kunstwerke zu spekulativen Wertpapieren degradiert worden“ und die Galeristen „schöngeistige Erfüllungsgehilfen einer Kultur des Konsums und der Gewalt“. Eine Kampfansage, deren aggressiver Tonfall so gar nicht zu der zierlichen Frau zu passen scheint.

Doch kämpferisch veranlagt ist Paula Böttcher schon. Auf die Frage, was ihr aus dem Kunststudium geblieben sei, kommt spontan und vehement: „Es hat mir nichts gebracht! Ein bisschen Lebenserfahrung vielleicht.“ Ob aber die Kunst nicht doch ein wichtiger Teil in ihrem Leben sei? Sie zögert und nickt dann vorsichtig. So, als würde es sie selbst erstaunen.

Nach Aufgabe ihrer Galerie hat sie zunächst Kritiken in der „Kunstzeitung“ und der „tageszeitung“ publiziert, „Unzeit“, eine gesprochene Zeitung für Kunst und Kultur, mitbegründet, Ausstellungen kuratiert und am Großprojekt „Kunst und Kalter Krieg“ mitgearbeitet. Daneben hat sie 2006 an der Universität Viadrina das Studium der Europawissenschaften mit einer Masterarbeit über „Ernst Bloch zwischen dem Geist der Utopie und enttäuschter Hoffnung“ abgeschlossen.

Als Kulturvermittlerin bezeichnet sie sich heute. „Manchmal empfinde ich das Leben als Schnupperkurs. Es gibt keine gerade Linie, sondern grüne Wege. Schlaufen. Auf keinen Fall sind es Umwege, letztlich fließt alles zusammen – vielleicht im beuysschen Sinne einer sozialen Plastik. Für mich ist die Sprache ein wichtiges Ventil geworden.“ Da hat sie in Carlfriedrich Claus „einen Verbündeten im Geiste, einen Dialogpartner“ gefunden. Dem Bild- und Sprachpoeten ist ihre Dissertation gewidmet, und für den Herbst bereitet sie anlässlich seines 80. Geburtstags eine Ausstellung in der Galerie Pankow samt Tagung in Berlin vor.

Ins Kulturleben mischt sie sich aber auch in der Uckermark ein. Doch das Landleben erweist sich nicht nur intellektuell als unbefriedigend. Natürlich zehre sie noch von den alten Kontakten. Aber es sei schwer, das Netzwerk von hier aus zu pflegen. „Einmal pro Woche müsste man mindestens in Berlin sein, sonst verläuft das im Sande.“ Sagt’s, und bricht auf zur Dorfkirche, wo sie über Wognisse und Wagnisse eines lokalen Malers reden wird. Paula Böttcher unterwegs. Erst kürzlich hat sie neues Terrain betreten: das Fernstudium „Deutsch als Fremdsprache“. Eine weitere Schlaufe. Vielleicht geht es bald wieder in Richtung Berlin. Aber Deutschlehrerin in China wäre auch reizvoll.

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