"Kunst" am Hans Otto Theater Potsdam : Menschen im Kriechstrom

Musikalisch: Das Hans Otto Theater in Potsdam zeigt Yasmina Rezas wortwitzige Toleranzparabel „Kunst“.

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Streithähne. Philipp Mauritz, Bernd Geiling und Jon-Kaare Koppe (v.l.).
Streithähne. Philipp Mauritz, Bernd Geiling und Jon-Kaare Koppe (v.l.).Foto: HL Böhme

Ja, natürlich, jetzt erst recht: Ins Theater gehen! Komödien anschauen! Am besten französische, aus Solidarität. Nous sommes Paris. Also auf nach Potsdam, zum Hans Otto Theater, wo Intendant Tobias Wellemeyer „Kunst“ von Yasmina Reza inszeniert. Pariserischere Figuren als die Erfolgsautorin mit dem multikulturellen Background bringt keiner auf die Bühne. Salonintellektuelle, Elitesnobs, die sich dem peuple, dem gemeinen Volk so was von überlegen fühlen, ganze Kunstepochen im Nebensatz als „nul“ und nichtig abkanzeln und für eine geistreiche Pointe ihren Nächsten verraten würden. Viel Hochmut ist da im Spiel, und umso tiefer der Fall, wenn sie ihre Contenance verlieren, wenn sich hinter der Fassade seelische Abgründe auftun.

Serge, der wohlhabende Dermatologe, hat sich ein Gemälde des angesagten Künstlers Antrios gekauft, weiße Streifen auf weißem Grund. Stolz führt er es seinem Freund Marc vor. Der ist außer sich: Diese „Scheiße“ soll 200 000 Francs wert sein? Yvan, der dritte in der Kumpel-Clique, kann der einfarbigen Leinwand auch nichts abgewinnen, bemüht sich aber immerhin, die „Vibrationen des Monochromen“ wahrzunehmen. Marc und Serge beharren auf ihren Standpunkten, gehen von Geschmacks- zu Grundsatzfragen über. Der Ton wird rauer, Fäuste fliegen, der Bilderstreit scheint unweigerlich zur Finissage der Dreierfreundschaft zu werden.

Was sich nach Boulevard anhört, ist viel mehr als Unterhaltungstheater. Weil dem bildungsbürgerlichen Zuschauer ständig das Lachen im Hals stecken bleibt – wenn er in den Verhaltensmustern der Bühnenfiguren die seiner Peergroup erkennt. Und die Potsdamer Produktion trifft den Sound des Milieus genau, wahrt geschickt die Balance zwischen Pointen und Peinlichkeiten, schlagfertiger Scharfzüngigkeit und bitterer Erkenntnis.

Malerei? Nein! Toleranz ist das Thema

Vor allem aber ist dieses mittlerweile auch schon 21 Jahre alte Stück – das wird im Licht der Pariser Attentate ganz deutlich – nicht nur eine wortwitzige Farce über moderne Malerei. Sondern eine Toleranzparabel. Problemlos ließe sich das Sujet austauschen, statt am „richtigen“ Umgang mit der Kunst könnte sich der Konflikt genauso gut an Fragen der Religion entzünden, an politischen Dogmen oder der gleichgeschlechtlichen Liebe. Je mehr die Protagonisten angesichts des farbfreien Bildes in Schwarz-Weiß-Argumentationen verfallen, desto deutlicher wird, dass es mit der Freiheit des Andersdenkenden nur dann funktioniert, wenn im Diskurs viele Schattierungen zugelassen werden. Tobias Wellemeyer allerdings hütet sich davor, aktualisierend in den Text einzugreifen, holzhammerhafte Parallelen zu ziehen. Auf die muss der Zuschauer schon selbst kommen.

Yasmina Reza stammt aus einer klassikbegeisterten Familie, und weil Musik für die Autorin „die größte aller Künste“ ist, feilt sie in ihren Stücken intensiv am Sound, an Wortmelodie und Sprachrhythmus. Wie eine Partitur hat der Regisseur darum den Text gelesen, als Notensatz für drei Interpreten. Mit seinen hervorragenden Schauspielern macht Wellemeyer die „Antrios-Variationen“ daraus, ein Dissonanzentrio, dynamisch dicht, voll überraschender Dur-Moll-Wechsel und gewagter Tempoumschwünge.

Serge ist einer dieser Schal-in-geschlossenen-Räumen-Träger

Serge, der Kunstkenner, ist dabei die Geige, dominant, selbstverliebt, durchdringend in allen Registern. Marc, der Mann mit dem Massengeschmack, gibt das Cello, den Bass-Widerpart, während Yvan als Bratsche zwischen den Extremen zu vermitteln sucht. Mal spielt er mit dem einen, mal mit dem anderen im Einklang – um am Ende doch immer übertönt zu werden.

Während Alexander Wolfs Bühne die Orte der Handlung nur minimalistisch andeutet, sagen Ines Burischs Kostüme viel über die Charaktere aus: Bernd Geiling ist als Serge einer dieser Schal-in-geschlossenen-Räumen-Träger, der orientierungslose Yvan von Philipp Mauritz versucht, mit Lederjacke und Cowboystiefel seine Jugend festzuhalten, Jon- Kaare Koppes völlig konventionell gekleideter Marc bleibt auch optisch ganz Pragmatiker. Dass die drei schon lange im Potsdamer Ensemble zusammenspielen, ist in jedem Moment zu spüren: Sie brauchen weder Geschrei noch Klamaukkapriolen, ihnen reichen kleine Gesten, kurze Blicke, um die Situationen klar und die unterschwelligen atmosphärischen Kriechströme spürbar werden zu lassen. Gerade aus dieser Vertrautheit der Akteure entsteht für den Zuschauer der Eindruck der Spontanität – genau wie in der Kammermusik.

Hans Otto Theater Potsdam, wieder am 28./29. November sowie am 18., 23. und 25. Dezember.

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