Kunst-Areal : Die Steppentänzer

Das Loch in der Mitte: Nördlich des Hauptbahnhofs klafft ein riesiger Freiraum. Hier soll bald ein neues Kunstviertel entstehen.

Daniel Völzke
Kunst-Areal Foto: David Heerde
Der Galerist Georg Spielhaus vor dem Gelände hinter dem Hamburger Bahnhof. -Foto: David Heerde

Erst mal fällt kaum etwas auf. Eine Gegend zum Durchfahren und Linksliegenlassen, eine Gegend für Autofahrer, obwohl sie in ein paar Gehminuten vom Hauptbahnhof erreichbar ist. Vielleicht verschlägt es einen mal in dieses ehemalige Grenzland zwischen Ost und West, um beim Großhändler und Möbeldiscounter einzukaufen. Ein spezifischer Charakter des Viertels lässt sich kaum ausmachen zwischen diesen zweckmäßig zusammengewürfelten Baracken und extragroßen Schildern, die Büro- und Hallenflächen zur Vermietung anbieten. Allein von Viertel zu reden, wäre schon viel, das nüchterne „Areal“ klingt angemessener. Die wenigen Mietshäuser an der Heidestraße sind zwar bewohnt, auf den Gehwegen indes sieht man selten jemanden.

Und doch: Hier irgendwo muss sie liegen, die Hoffnung einiger Stadtplaner und Immobilienhändler. Hier, hinter dem Hamburger Bahnhof, dicht am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, soll bald ein neues Kunstviertel entstehen.

Vom dritten Stock eines alten Fabrikgebäudes, das Autowerkstätten, Speditionen und ein aufdringliches Mietcenter („Vermietet fast alles“) überragt, sieht man den Hauptbahnhof unwirklich hinter Bäumen hervorragen, eine Glasröhre mitten im Wald. Dann entdeckt man die Kuppel des Reichstags, die Deutschlandfahnen. Direkt vor dem Gewerbehof, im Hinterland des Regierungsviertels, erstreckt sich eine pittoreske Brache. Eine Frau durchquert von Moabit kommend das Ödland; sie wirkt verloren wie eine Figur aus einem Antonioni-Film. Erste zarte Birken und anderes Pioniergehölz wachsen auf dem ehemaligen Güterbahnhof. Plötzlich schießt ein ICE aus einem Tunnel Richtung Hamburg und durchschneidet die verwahrloste Idylle.

So weit, so aufgerissen zeigt sich die Berliner Mitte von hier oben: eine Steppe mit Fernbahnanschluss. Wen wundert’s, dass dieses Gebiet städtebauliche Fragen aufwirft? Die Heidestraße ist Teil des Programms Stadtumbau West, das vor zwei Jahren vom Berliner Senat für Stadtentwicklung gestartet wurde. Fünf Gebiete wurden ausgewählt, die Bestandsaufnahme zum Standort Heidestraße fällt besonders hoffnungsvoll aus: Von „herausragenden Entwicklungschancen“ ist da die Rede, von einem „Schmetterling in der Puppe“, von einer Gegend, die unter dem Motto „Ankommen in Berlin“ stehen soll und deren Neustrukturierung „einstweilig auch durch inwertsetzende Zwischennutzung“ vorangetrieben werden dürfe.

Einige „inwertsetzende“ Pioniere sind schon angekommen in der kommenden Ankomm-Gegend. Der legendäre „Cookies“-Club soll hier einen geheimen Ableger haben. Das „Tape“ ist leichter zu finden: Vor einer Halle stehen jeden Freitag ein paar Szenegestalten, wie vom Licht angezogen in dieser nachts ansonsten finsteren Straße. Tagsüber arbeitet einige Meter weiter, an der Invalidenstraße, der dänische Star Olafur Eliasson mit 38 Assistenten in seiner Kunstmanufaktur, daneben hat Thomas Demand sein Atelier. Weniger berühmte Künstler wie David Zink Yi oder Axel Anklam produzieren etwas weiter nordwärts. Ein Stockwerk über der leeren Fabriketage mit der wunderbaren Aussicht residieren auf 1000 Quadratmetern die Graft-Architekten, die durch ihren prominenten Kunden Brad Pitt und den Entwurf einer wolkengleichen temporären Kunsthalle am Schlossplatz zurzeit viel Aufmerksamkeit bekommen. In einer weiteren Etage sitzt das Büro Kühn Malvezzi, das für den Kunstsammler Friedrich Christian Flick die Rieck-Halle des Hamburger Bahnhofs auf der anderen Seite der Heidestraße umgebaut hat.

In direkter Nachbarschaft zum Fabrikbau, gleich neben „Hochdruck Schlauch + Rohr“, öffnet sich ein Tor und gibt den Blick frei auf großformatige abstrakte Malerei. Die Galerie Spielhaus Morrison residierte ehemals in Mitte, dort, wo in den neunziger Jahren viele der heutigen Kunsthändlergrößen starteten. Im vergangenen Herbst haben Georg Spielhaus und Hamish Morrison ihren Altbau in der Reinhardtstraße eingetauscht gegen diese Halle eines ehemaligen Autovergaserbetriebs. „Die neuen, großen Räume sind der beste Anreiz, sich programmatisch weiterzuentwickeln“, sagt Spielhaus. Dass sich nicht nur die Galerien durch den Umzug verändern, sondern umgekehrt auch die Gegend verwandeln, liegt für ihn auf der Hand. Immer wieder, erzählt er, sehe er hier internationale Galeristen, die sich umschauen.

In einigen Wochen, parallel zur Berliner Kunstmesse Art Forum, eröffnet das Künstlerkollektiv Artists Anonymous hier seine Produzentengalerie, unter anderem mit Aquarellen von Marilyn Manson. Die renommierte Londoner Galerie Haunch of Venison startet nebenan. Damien Hirst, der teuerste aller lebenden Künstler, hat sich die taubenweiße Halle schon mal angeschaut und fand sie angemessen. Nur die eine Gipsbetonwand müsse noch höher gezogen werden, damit man die alte Wand nicht mehr sieht.

Man kann sich gut vorstellen, wie die Gegend allmählich mutiert, wie makelloses Weiß den Schmutz, Staub und Lärm zuwuchert. Einstweilen darf es dabei zu amüsanten Zusammenstößen kommen, wenn etwa Spielhaus Morrison einen ramponierten Porsche ausstellt, den die Mechaniker nebenan fachmännisch begutachten. Bislang konnten nur die Kunstleute den Gewerbetreibenden zusehen: Die dreihundert Meter lange Rieck-Halle, eine Erweiterung des Hamburger Bahnhofs, streckt sich seit 2004 wie ein Fühler in die unbeachtete Fläche hinter dem Museum für Gegenwartskunst.

Vor zwei Jahren, als man sich beim Senat für Stadtumbau über Pläne der Gegend bückte, stand auch der Galerist Kristian Jarmuschek hinter einem der Fenster, sah hinaus und dachte: „Das wär’s!“ Einige Glücks- und Zufälle später kann der junge Galerist, der bislang am Hackeschen Markt ausstellte, nun Pläne für eine Halle präsentieren, die parallel zur Rieck-Halle am Kanal steht. Gemeinsam mit acht anderen Galeristen und einem Berliner Sammler wird er nächstes Jahr die von den Pott-Architects umgebauten 2500 Quadratmeter beziehen. „Hier sind endlich Künstler und Galeristen, die wieder was wagen, hier gibt es eine neue Wildheit“, sagt er und blickt auf das heruntergekommene Gebäude, vor dem Arbeiter gerade Bühnentechnik abladen.

Derweil kann sich die Bahn-Immobilientochter Vivico, der die Brachflächen rund um die Heidestraße gehören und die die Galeriehalle umbauen lässt, auf diesem „Kunst-Campus“ den Skulpturenpark des Hamburger Bahnhofs vorstellen. Auch für weitere „Kunstaktionen“ will man Raum schaffen, wie es noch etwas schwammig heißt. Eugen Blume, Chef des Museums, würde hier auch gerne eine dauerhafte Kunsthalle errichtet sehen. Selbst Wowereit hat die Heidestraße schon mal als möglichen Standort für eine mögliche Kunsthalle genannt.

Kristian Jarmuschek schaut über den Kanal und das zugewucherte Ufer – und ganz sicher sieht er weit mehr als nur das Sichtbare. „Ich habe einen Mietvertrag für zehn Jahre unterschrieben“, sagt er zuversichtlich.

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