Kunst : Helden im Blaukittel

Das Bröhan-Museum würdigt den Berliner Maler Hans Baluschek, der vor allem Arbeiter und Kleinbürger porträtierte. Seine Bilder wirken oft anekdotisch, mitunter auch sentimental. Der Betrachter kann sich aus ihnen ganze Romane zusammenreimen.

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Der Maler Hans Baluschek in seinem Atelier, Foto um 1920. Unter dem Titel "Bilderbuch des Berliner Lebens" widmet das Berliner Bröhan-Museum dem Maler (1870–1935) eine Sonderausstellung. Dort sind unter anderem zu sehen...Alle Bilder anzeigen
Foto: Bildarchiv Bröhan-Museum, Berlin
08.12.2011 16:55Der Maler Hans Baluschek in seinem Atelier, Foto um 1920. Unter dem Titel "Bilderbuch des Berliner Lebens" widmet das Berliner...

Schön sind sie nicht, die Menschen, die Hans Baluschek gemalt hat. Sie haben krumme Rücken, die Falten in ihren Gesichtern und die müden Augen erzählen von Erschöpfung und harter körperlicher Arbeit. Baluschek porträtierte die Berliner Arbeiter und Kleinbürger der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Er zeigt die Mittagspause bei Borsig, wo die Frauen ihren Männern das Essen mit Körben und Taschen bringen, das Sonntags-Vergnügen auf dem Tempelhofer Feld oder in Biergärten („Hier können Familien Kaffee kochen“) und den Feierabend in Schrebergarten-Kolonien, wo die Lauben klangvoll „Salem“, „Villa Niedlich“ oder „Maxens Glück“ heißen.

Heute mögen derlei Genreszenen putzig wirken, aber zu ihrer Entstehungszeit waren sie einigermaßen revolutionär. Als Kaiser Wilhelm II. 1901 – zu einer Zeit, als Baluschek seine ersten Erfolge feierte – die Siegesallee im Berliner Tiergarten eröffnete, eine pompöse Heldengalerie des Hauses Hohenzollern, verdammte er in einer berüchtigten Rede die moderne Kunst der Naturalisten: „Wenn die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich am deutschen Volk.“ Malerei solle „erheben“, nicht „in den Rinnstein niedersteigen“.

Wo Baluschek in diesem Zusammenhang zu verorten ist, ist klar: bei den Rinnsteinkünstlern. Ein Cover, das er zwei Jahre später, 1903, für einen Band mit „Liedern aus dem Rinnstein“ des Berliner Dichters Hans Ostwald schuf, erscheint geradezu wie die trotzige Entgegnung auf die Rede des Kaisers. Es zeigt ein langhaariges nacktes Mädchen, vielleicht eine Prostituierte, das auf einem großstädtischen Bürgersteig neben dem Rinnstein sitzt. Das Buch liegt neben einem Skizzenbuch, einigen Grafiken und mehreren von Baluschek illustrierten Kinderbüchern wie „Peterchens Mondfahrt“, „Prinzessin Huschewind“ und „Pips der Pilz“ in einer Vitrine des Bröhan-Museums, das den Maler mit einer umfangreichen, sein Werk in rund 40 Gemälden ausbreitenden Ausstellung würdigt.

Unter der Ablehnung seiner Kunst durch den Kaiser und seine Anhänger hat Baluschek lange gelitten. „Was verletze ich eigentlich in dem Mitbürger, der mich gezwungen oder freiwillig genießen sollte und wollte?“, fragte er 1920 in einem Aufsatz für die „Gartenlaube“, den er pathetisch „Im Kampf um meine Kunst“ nannte. Da schwingt die Empörung eines Künstlers mit, der keineswegs ein Anti-Bürger sein wollte, aber sich von den Bürgern missverstanden fühlte. Denn Baluschek war kein Proletarier, 1870 in Breslau als Sohn eines Bahnbeamten geboren, wächst er in geordneten Mittelschichtverhältnissen auf und studiert in Berlin, wohin er 1876 mit seiner Familie gezogen ist, an der Akademie der Künste. Fotos zeigen einen energisch wirkenden Mann, dessen hochgezwirbelter Oberlippenbart sich nur wenig vom „Es ist erreicht“-Exemplar des Kaisers unterscheidet.

Akribischer Realismus, sanfte Karikatur. Hans Baluscheks „Winterwind“ aus dem Jahr 1907.
Akribischer Realismus, sanfte Karikatur. Hans Baluscheks „Winterwind“ aus dem Jahr 1907.Foto: Martin Adam, Bröhan-Museum

„Meine Waffen: Pinsel, Kohle, Feder, Bleistift sollen hauen und stechen“, hat Baluschek gesagt, doch anders als die Expressionisten griff er dabei nicht zum Mittel der radikalen Verfremdung. Er hat die Metropole und ihre Menschen mit akribischem Realismus wiedergegeben, manchmal auch sanft karikiert. „Tingeltangel“ heißt ein Gemälde, auf dem eine in wollüstigem Rot gekleidete Varieté-Tänzerin ihren Rock lupft. Im Publikum sitzen rauchende Stehkragen-Honoratioren beim Bier, über dem Eingang steht eine Kaiserbüste zwischen Fahnenschmuck. Ein Verehrer hält eine Rose ins Bild. Ernst Ludwig Kirchner hätte aus derselben Szene einen wilden Farbrausch gemacht, das harte Aufeinandertreffen von weiblicher Verruchtheit und männlicher Doppelmoral.

Baluschek war kein Avantgardist, auch wenn er 1898 auf Einladung von Max Liebermann Mitglied der Berliner Secession wurde, wo sich die Außenseiter der wilhelminischen Salonkunst trafen, und 1913 die Freie Secession mitgründete, in der die Rebellen zusammenkamen, denen Liebermanns Kunstauffassung zu staatstragend geworden war. Er freundete sich mit dem Friedrichshagener Kreis an, einer Gruppe naturalistischer Literaten um Arno Holz und Richard Dehmel und veröffentlichte mehrere Bände mit Novellen.

Auch als Maler ist Baluschek ein Erzähler. Seine Bilder wirken oft anekdotisch, mitunter auch sentimental. Der Betrachter kann sich aus ihnen, wenn er will, ganze Romane zusammenreimen. „Heimkehr“ zeigt eine Bahnbeamten-Familie, die an einer ärmlichen Akkordeonspielerin vorbei nach Hause schreitet, während in der Gegenrichtung zwei Frauen einen Betrunkenen abführen. „Montagmorgen“: Vier junge Frauen, noch schlaftrunken und von den Spuren nächtlicher Ausschweifungen gezeichnet, in einem plüschigen Salon. Und warum stemmen sich die Menschen auf dem Bild „Winterwind“ mit so bitteren Mienen in die Schneelandschaft? Kommen sie vom Weihnachtsgottesdienst, von einer Beerdigung?

Im Ersten Weltkrieg schuf Baluschek patriotische Grafiken, in der Weimarer Republik schloss er sich der SPD an und gehörte zu den Mitbegründern der Berliner Volkshochschule. „Und da kamen sie denn alle“, schrieb ein Beobachter. „Der Schlosser von seiner Fabrik, noch im blauen Kittel, von der Arbeit geschwärzt; der arme Student, der künstlerische Erholung suchte; das Mädchen, das tagsüber mit der Schreibmaschine klappern musste.“ Die Nationalsozialisten verfemten ihn, Baluschek legte alle Ämter nieder und starb 1935. Das Gemälde „Zukunft“, mit dem die Ausstellung endet, ist eine naive Utopie. Eine Arbeiterfamilie steht in zärtlicher Umarmung vor einer Fabrik, aus der wie auf einem Heiligenbild Lichtstrahlen auf sie fallen.

Bröhan-Museum, bis 15. April, Di–So 10–18 Uhr. Ein Begleitbuch von Margrit Bröhan kostet an der Museumskasse 18,50€

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