KUNST Stücke : Geisterstunde

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Raum einnehmen, ohne anzuecken, Platz beanspruchen, ohne zu stören – der stete Tanz der Städter in der Straße inspiriert auch die Künstler. In der Galerie Barbara Weiss präsentiert die Bildhauerin Berta Fischer ephemere Gebilde, die sich bei näherem Hinsehen als grundsolide entpuppen (bis 19. 4., Kohlfurter Straße 41/43). Die 1973 in Düsseldorf geborene Künstlerin machte schon letzten Sommer bei der Ausstellung „Wie kommt das Neue in die Welt?“ im Haus am Waldsee einen furiosen Eindruck. Jetzt teilt ein zarter Vorhang aus durchsichtigen Fransen den Raum. Ein Windstoß, möchte man meinen, könnte die Wellen oder Flammen in changierendem Blau und Rot aufstieben lassen. Aber das Material Acrylglas bleibt starr und schwer. Hinter dem Vorhang hat Berta Fischer, die zuvor von der Galerie Giti Nourbakhsch vertreten wurde, solches Acrylglas wie Folie zu einer Rosette in Textmarkergelb geknüllt, an den Kanten verdichtet sich die Farbe zu klaren Linien. Mit Namen wie Hadow, Astheus oder Phibus wirken die transparenten Körper wie exotische Wesen, flüchtige Erscheinungen aus widerspenstigem Material, die sich entschieden haben zu bleiben. Während der Formung laden sich die Skulpturen mit solcher Energie auf, dass sie den Raum vermeintlich aufwirbeln, ohne sich jedoch zu bewegen (10 000–30 000 €). Etwas rätselhaft erscheinen vor diesem explosiven Hintergrund Berta Fischers jüngste Experimente, statische Strukturen aus stumpfem Schaum und Gips. Zellklumpen wuchern aus der Wand, Äste aus Knetmasse strecken sich in den Raum. Aber die vegetativen Existenzen können mit den dynamischen Plastiken nicht mithalten.

Benedikt Terwiel wiederum spürt in Sherlock-Holmes-Manier den Bewegungen im Raum nach. In seinem Kreuzberger Atelier war eingebrochen worden, der Künstler beobachtete, wie die Polizei Gegenstände mit feinem Rußpuder bepinselte, um Fingerabdrücke sichtbar zu machen. In dem Projektraum, den die Galerie Vincenz Sala im Hausmeisterbüro eines Wohnhauses eingerichtet hat, überstäubte Terwiel nun den Dielenfußboden, nahm mit Klebefilm die Spuren ab und heftete seine Funde an die Wand. Röntgenbilder, die den Unterschied zwischen Schein und Sein offenbaren (18 000 €). Während der Originalboden blitzblank glänzt, zeichnen sich im feinen Staub zahlreiche Fußabdrücke ab, bis hin zum Prägestempel einer Sohle. Die Maserung des Holzes lässt sich durch den Lack hindurch erkennen, jede Kerbe, jedes Astloch. So verrät die Wandarbeit in diesem winzigen Kabinett etwas über all jene, die sich hier einmal aufgehalten haben: ein Versuch über die Gegenwart vergangener Besucher (bis 23. 3., Helmstedter Straße 8).

Benedikt Terwiel, 1980 in München geboren, hat bei Hans-Jürgen Diehl an der UdK studiert. Seine Arbeiten nehmen Maß an der Stadt, prüfen Dimensionen, verschieben Größenverhältnisse. An einem Betonblock in der Galerie hat er die Probebohrungen der Sonde Curiosity auf dem Mars exakt kopiert. Auf Erden wirken die Bohrlöcher im Dienste der Wissenschaft denkbar profan. Der Mensch schaut auf die Marsoberfläche, die klein ist wie eine Badezimmerfliese. Aus solchen Verrückungen speisen sich bei Terwiel Witz und Wahrheit.

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