KUNST Stücke : Schauerstunde

Vinzenz Weidner

Wenn abends das Kind zu Bett geht, nachdem es zuvor vielleicht noch ein Schauermärchen gelesen hat, wird es dunkel im Zimmer. Schatten verwandeln sich dann mit ein bisschen Fantasie zu absurden Gestalten, starren im Mondlicht aus Mobiliar und Wänden. So unwahrscheinlich ihre Silhouetten tatsächlich auf die Anwesenheit von Geistern und Monstern zurückzuführen sind, so sehr ziehen sie dennoch in ihren Bann. Dieses Faszinosum des Unglaublichen greift die Galerie Kit Schulte (Winterfeldtstraße 35, bis 3. März) in ihrer aktuellen Ausstellung „Lügengeschichten“ auf. Sandra Munzel etwa hat den Protagonisten aus märchenhaft nächtlichen Traumwelten eine Gestalt gegeben. Aus Wachs sind kleine farbige Figuren entstanden (Preise von 3600-4200 Euro), teils kahlköpfig oder mit aus den Höhlen tretenden Augen, rundliche Formen, die weich und organisch wirken und doch kalt und leblos sind, so fern von allbekannten Lebensformen. Auch wenn sie beruhigend irreal wirken, möchte man diesen Mini-Monstern weder bei Tageslicht noch zur Geisterstunde begegnen. Und schon stellt man sich vor, wie es denn wäre, würden sie sich tatsächlich bewegen oder mit unbewegter Miene die Hand nach einem ausstrecken, lebendig sein. Die Imagination des Irrealen haucht ihnen erst das Leben ein, entfaltet so ihren Schrecken.

Natascha Stellmach gab 2008 in einer Performance vor, vor versammeltem Auditorium die sterblichen Überreste Kurt Cobains in Form von Asche in einer Pfeife zu rauchen. Auch wenn man allein viel Fantasie dafür bräuchte, um sich überhaupt vorzustellen, wie Stellmach an die Asche gekommen sein könnte, entfaltete sich bei den Beobachtern vor allem ein Gefühl von Frevel. „Da vorne wird doch nicht etwa gerade original Kurt Cobain geraucht?“, pochte es wohl in manchem Hirn, und so entstanden flugs einige Hassbriefe, in denen der Künstlerin ein baldiges Ableben gewünscht wurde, mit nicht unkreativ ausgemalten schrecklichen Todesursachen. Im Augenblick, wo man die Performance auf ihren Wahrheitsgehalt hätte überprüfen können, hatte sich sie Aktion in der Vorstellung des Beobachters bereits realisiert. Sich von möglichen aufgesessenen Illusionen zu befreien, war mit einem Mal uninteressant. Stellmach designte schließlich diesen unerfreulicheren Teil ihrer Post um: Aus Zeitschriften schnitt sie Buchstaben aus und klebte sie im typischen Stil anonymer Drohbriefe auf Papier. Dass nicht alles ist, wie es scheint, kommt nun in rot gerahmten, unterschiedlich großen und farbigen Buchstaben zum Ausdruck (Preise: um 1600 Euro), die auf den ersten Blick fröhlich und verspielt wirken, aber inhaltlich einen erschreckenden Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele geben.

Die menschliche Lust an Täuschung, an der Verdrehung und Verfremdung von Tatsachen wird bei Volker März' Exponat „Spieglein, Spieglein, Schlingensief“ deutlich (Preis: 1600 Euro). Eine dem Aktionskünstler nachempfundene kleine Figur steht mit einem Megafon vor einem Spiegel und propagiert eigentlich sinnfrei in ihr eigenes Spiegelbild hinein. Der Beobachter muss nun aber in den Spiegel sehen, um sich ein Bild von der Figur zu machen und ihr Gesicht erkennen zu können. Der Spiegel macht die Figur realer, man führt ihre unmenschliche, fiktionale Erscheinung auf ihre Abbildung im Spiegel zurück und schon hört man – gänzlich unbeirrt von Tatsachen – Schlingensiefs Rufe lautstark durch den Raum hallen.

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