KUNST Stücke : Schwarze Lichter

Tomasz Kurianowicz

Was für ein Fund: Da schleicht man sich in die leicht versteckte, innen aber geräumige und perfekt ausgeleuchtete Kreuzberger Galerie Schwarz Contemporary und merkt nicht einmal, dass es sich am Eingang bei dem Werk der Italienerin Elisa Sighicelli um keine Holzkiste, sondern bloß die Fotografie einer Holzkiste handelt (Sanderstraße 28, bis 20. Juli). Erst unter der Oberfläche verbirgt sich das wahre Objekt, so dass man sich als Besucher etwas betrogen, oder sagen wir besser: hinters Licht geführt fühlt. Licht ist ohnehin ein wichtiger Aspekt dieser geistreichen Gruppenschau. Die 1985 geborene Johanna Jaeger nimmt verschiedene Lichteinwirkungen als Grundlage, um mit visueller Wahrnehmung zu experimentieren. Auf einem Podest steht ein weißer Kegel, davor eine Fotografie. Auf ihr könnte das Innenleben (oder das Außen?) des Kegels abgebildet sein – man sieht allein einen schwarzen Punkt und von dort aus sich windende Strukturen, die eine dreidimensionale Tiefe vortäuschen. Man muss sich geradezu zähmen, um den Kegel nicht anzupacken und zu schauen, ob er von innen hohl ist. Eine ähnliche Wirkkraft vermitteln die Werke von Monika Goetz. Auch sie spielt mit manipulierten Perspektiven: etwa auf einem gebrochenen Spiegel oder drei Lithografien, die mit brennenden Wunderkerzen hergestellt wurden und zufällige Risse, Sprünge und Brennspuren zeigen. Und doch wirken sie wie eine organisch geborene Komposition. Das passt wunderbar in die fantastischen Galerieräume, gerade im Zusammenspiel mit der Installation von Hannah Gieseler, die überdimensionierte Glasbausteine auf den Parkettboden verteilt hat, um die zur Straße hin gewandte Glasfront der Galerie in Vergrößerung zu zeigen und somit die Bedeutung von Licht für die Wahrnehmung zu betonen (Preise: 1200–5800 Euro).

In der Galerie Michael Janssen, verfolgt die Künstlerin Rubiati Puspitasari eine andere Strategie. Ihre großflächigen Bilder verbrannter Wälder befassen sich dezidiert mit mythologisch-gesellschaftlichen Themen (bis 20.7., Potsdamer Str. 63). Was auch daran liegt, dass die 1968 geborene Künstlerin viel schwierigere Startbedingungen hatte als ihre vier europäischen Kolleginnen. Mit ihrer diesjährigen Teilnahme an der 55. Biennale von Venedig konnte sich die Indonesierin erst jetzt auf dem Kunstmarkt durchsetzen und gegen ihre männlichen Kollegen behaupten. So muss man auch die in der Mitte der Galerie positionierte Installation verstehen, welche die meterlangen, dunklen, tief traumatischen Waldbilder kommentiert (27 000–55 000 Euro): Es sind Schulbänke aus verbranntem Holz, auf denen gigantische Bücher mit tausenden leerer Seiten liegen. Sie vermitteln zwischen Natur und Zivilisation und betonen, dass das Leben beschrieben werden muss, um Sinn zu ergeben. Nichts ist natürlich, sondern ein Produkt der Geschichte. Die mit Geschlechter-Themen experimentierende Künstlerin macht damit bewusst, dass jeder soziale Verhältnisse neu definieren kann. Die verbrannte Erde auf den Kohlezeichnungen erinnert daran, dass die Zeit reif dafür ist.

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