KUNST Stücke : Zufall mit System

Mchaela Nolte

Vier blaue und rote Neonröhren in Form von Winkeln und Viertelkreisen überlagern sich auf der Leinwand zu weiteren Formen. Haben sie sich bewegt oder nicht? Im Nachbild ist das kaum mehr auszumachen. „Kleine Akrobatik“ heißt François Morellets Licht-Assemblage denn auch treffend. Im Umgang mit ironischen Titeln ist der Dadaist unter den Geometrisch-Abstrakten ebenso versiert wie mit mathematischen Systemen. Die liegen schon seiner Op-Art in den fünfziger Jahren zugrunde. Später kommt der Zufall hinzu – aber eben mit System. Die fruchtbare Kollaboration präsentiert der Kunsthandel Wolfgang Werner (Fasanenstraße 72, bis 7. Juli) mit sieben Neonarbeiten aus vier Jahrzehnten (Preise 50 000 bis 80 000 Euro). Allen voran mit „Grand Lunatique, nº1“ oder „Vier Interferenzrhythmen bilden ein Quadrat“.

Vier dünne, handelsübliche Neonröhren auf Holz, die das rote Licht geradezu materialisieren. Das wirkt haptisch wie Gotthard Graubners Farbkissen, teilchengeladen wie die Lichträume von James Turrell, und natürlich denkt man an Dan Flavin. Doch ist die Liaison von Licht, Kinetik und Mathematik originär François Morellet. Denn der experimentiert seit 1963 – parallel zu Flavin – mit Neon. Wie sehr der mittlerweile 86-Jährige auf der Höhe der Zeit agiert, zeigt die Parallele zu Faivovich & Goldberg. Aktionen mit Meteoriten nennt das junge Künstlerduo „Alreadymades“. Morellet arbeitet gerade an „Ready-remakes“.

Thema und Material gleich mehrfach durchdringen Marlena Kudlicka und Nicole Degenhardt in „Difference a Bend“. Die Ausstellungsreihe im Projektraum Stedefreund (Straßburger Str. 6-8, bis 7. Juli) widmet sich der Differenz als produktivem Motor. In der vierten Ausgabe anhand von Eisen und Celluloid. Kudlicka transformiert den „Unterschied als Krümmung“ in Eisen-Objekte, geformt aus dem Wort Celluloid. In abstrakten Bögen versetzen die filigranen Plastiken der 1973 geborenen Polin die fabrikartige Halle ins Schweben. Lesbar ist der Begriff nicht mehr. Aber schließlich geht es um den Kontext und den Dialog mit Degenhardt. Deren filmischen Ansatz greift Kudlicka in einem Celluloidstreifen auf, der keck an der Wand lehnt. Schwungvoll und natürlich aus Eisen, unterwandert sie so das Symbol der Macht. Welche Macht das Gelände in Nicole Degenhardts Video einst errichten ließ, verrät der Loop nicht. Baracken in gleichmäßig frischem Beton – wie herausgeputzt für einen besonderen Anlass. Eingeschlossen inmitten üppig grüner Baumkronen. In dem menschenleeren Setting ertönt aus dem Off eine Erzählung von Franz Kipphardt. Die streng grafischen Filmbilder illustrieren nichts, und die Geschichte kommentiert das Video nicht. Gerade in dieser Unabhängigkeit entfaltet Degenhardt spannende Projektionsflächen. Steilvorlagen für die Fantasie. (Preise 1200 bis 9000 Euro)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben