Kunst & Markt : Auf Licht gebaut

Kleiner ist feiner. Die Armory Show, New Yorks älteste Kunstmesse, war Jahre lang schwer angeschlagen. Jetzt meldet sie sich gestärkt zurück, mit 214 Ausstellern. Und auf der monströsen Jacht des Milliardärs Abramowitsch direkt neben Pier 92 residiert dessen Freundin, die Mode-Diva Dasha Zhukova.

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Gefahrenzone. Blick in eine Koje auf der Armory Show, in der die Zuschauer zu Zielscheiben werden.
Gefahrenzone. Blick in eine Koje auf der Armory Show, in der die Zuschauer zu Zielscheiben werden.Foto: AFP

Das Schlingern hat aufgehört. Die Armory Show in New York galt lange als ein angeschossenes Dickschiff der Kunstbranche. Die Schlagseite der US-Leitmesse war so dramatisch, dass die Londoner Frieze leichte Beute sah und im letzten Mai ein konkurrierendes Zelt auf Randall’s Island aufschlug. Doch die Armory Show ist mit 214 Ausstellern zurück. Die monströse Jacht des Milliardärs Roman Abramowitschs direkt neben Pier 92, auf der Dasha Zhukova residiert, mag ein Zeichen dafür sein.

Die Stimmung unter den Ausstellern ist jedenfalls aufgeräumt. Jane Corkin aus Toronto war jahrelang in Basel und Miami. Bis auf die Armory nimmt sie allerdings nun an überhaupt keiner Messe mehr teil. Obwohl sie mit dem Leipziger Fotografen Thomas Mädler einen gefragten Künstler im Programm hat, dem internationale Marktpräsenz nicht schaden könnte. Doch das Format der Messe sieht sie wie viele mittlerweile kritisch. New York funktioniere, weil sie hier gute Kunden habe und wichtige Kuratoren treffe. Alles andere sei immer mehr ein Nullsummenspiel und die Messe inzwischen nicht immer das Mittel der Wahl.

Paul Hodge von der Londoner Hales Gallery bringt es auf den Punkt: „Messen sind im Grunde alle gleich. Ob der Teppich blau oder grau ist, interessiert vielleicht das Publikum. Mich interessiert, wie viel Geld ich ausgebe, was ich einnehme und welche Aufmerksamkeit meine Künstler bekommen.“ Die Rechnung des Briten ist damit nüchterner als die mancher Kollegen, wie der Erfolg der Frieze zeigt. Ästhetisch zwar durchaus gelungen, war der Londoner Ableger im vergangenen Mai finanziell für viele eine Enttäuschung. Einige Teilnehmer sind deshalb abgesprungen, die Lücken werden allerdings rasch gefüllt. Dass manche Galeristen anscheinend lieber auf hippen Messen Verluste machen, anstatt auf einer eher uncoolen Geld zu verdienen, erklärt Noah Horowitz, der in diesem Jahr erstmals die Armory Show komplett verantwortet: „Die Armory Show war in der Vergangenheit zu groß und beliebig geworden. Selbst wenn die Aussteller gut verkauften, haben sie sich unwohl gefühlt. Wir haben darauf reagiert. Es geht jetzt darum, einen angemessenen Rahmen zu schaffen. Ich glaube, dass wir auch wieder junge Galerien gewinnen werden, wenn sie sehen, dass die etablierten Galerien wiederkommen.“

Erste Erfolge kann die gestraffte Armory bereits verbuchen. Hilfreich ist dabei die „Focus“-Sektion, die sich diesmal den USA widmet. Hier findet sich eine verwirrende Spannbreite US-amerikanischer Kunstproduktion. Neben bronzierten Schuhen, die von Kendell Carter wie in Ladenregalen präsentiert werden (Monique Meloche/Chicago), protzt Gagosian mit Spätwerken Andy Warhols, unter anderem ein gigantisches „Camouflage Painting“, dessen Preis er nicht nennen möchte. Anlass für den Focus ist das hundertjährige Jubiläum der Armory Show. Die hat zwar mit der heutigen Veranstaltung (Gründung 1997) herzlich wenig zu tun, brachte aber erstmals künstlerische Avantgarde nach New York und wird daher gerne als Patin gesehen. Problematisch ist nach wie vor die Modern-Abteilung in Pier 92, in der Präsentationen wie der Dieter Roth gewidmete Stand der Hamburger Galerie Levy sich wohltuend abheben.

Es ist allerdings eine Herkulesaufgabe, in New York eine hochwertige Moderne-Schau aufzubauen, wenn gleichzeitig in der Upper East Side mit der Art Show die Leistungsschau der Händlervereinigung Art Dealers Association of America (ADAA) stattfindet, und das seit 25 Jahren. Zu den 72 Ausstellern zählt alles von Rang und Namen in den USA. Die einzelnen Stände sind auf den Punkt kuratiert und zum Teil mit Museumsqualität bestückt. One Artist Shows und thematische Kojen halten sich die Waage. Cheim & Read hat sich mit nie gezeigten Arbeiten von Jannis Kounellis gerüstet, während Gründungsmitglied Acquavella zum 50-jährigen Bestehen der ADAA Arbeiten zusammengetragen hat, die in diesem Zeitraum durch die Galerie vermittelt wurden. Zudem zieht immer mehr Zeitgenössisches in die historische Halle: Tacita Dean bei Marian Goodman, Kiki Smith bei Pace oder Sean Scully bei Lelong.

Für die echte Avantgarde bietet sich die junge Messe Independent an, deren Teilnehmerliste wie ein Amalgam von Frieze und Art Basel wirkt. Zwar ist die Galerie Sprüth-Magers zur Armory Show gewechselt, dafür nimmt erstmals die Berliner Galerie Neu teil – mit kleineren und in jeder Hinsicht kostengünstigeren Formaten. Das offene Layout in dem mehrstöckigen Gebäude erinnert – wie viele Arbeiten, die man schon gesehen zu haben glaubt – ein bisschen an die Liste in Basel. Doch Kuratoren wie Sammler scheinen das zu lieben. Bei manchem mag man ihnen sogar recht geben. Herzerfrischende Abseitigkeiten und echte Entdeckungen wie „okkulte Stimmen und paranormale Musik“ bei Susanne Zander aus Köln oder die frühen lesbisch-feministischen Filme von Barbara Hammer aus den 70ern, die von KOW aus Berlin gezeigt werden, sind in New York wohl nur hier vorstellbar.

Bei Volta, der kleinen Schwester der Armory, stand ein Umzug an, der das Erscheinungsbild poliert. Von einer anonymen Hochhausetage in Midtown ging es in zwei Stockwerke eines Ziegelbaues im trendigeren Soho. Hier wirken die Solopräsentationen der Aussteller etwas gediegener. Das liegt allerdings zum Teil an der geschickten Platzierung: Etabliertere Aussteller wie Hilger aus Wien, Römerapotheke (Zürich) oder Röpke (Köln) sind an zentralen Punkten positioniert, so dass zunächst gar nicht auffällt, wie sehr sich die Qualität in den hinteren Räumen verändert. Einiges macht sogar den Eindruck, als hätte es sich von der ungleichmäßigeren Messe Scope eingeschlichen. Die findet parallel noch statt, wie vieles andere in New York. Fast könnte man meinen, der Stadt wäre es allein mit der Armory Week ein wenig langweilig.

Bis 10.3., www.thearmoryshow.com

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