Kunstaktion "Deutschland schafft es ab" : Agitprop fatal

Anti-Sarrazin-Aktion auf Berlin-Biennale: Der tschechische Künstler Zet fordert Besitzer des Sarrazin-Buchs „Deutschland schafft sich ab“ auf, ihr Exemplar an zwölf Sammelstellen in Berlin abzugeben, etwa bei der Berlinischen Galerie, dem Haus der Kulturen, der ifa-Galerie oder C/O Berlin.

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Foto: Berlin-Biennale
Foto: Berlin-Biennale

Drei Monate sind es noch bis zur Eröffnung der 7. Berlin-Biennale, doch schon produziert sie ihren ersten Skandal. Allzu sehr verwundert das nicht, denn der künstlerische Direktor Artur Zmijewski ist bekannt für scharfe Agitation und Provokationen der political correctness. Zuletzt wurde sein Video „Berek“ aus der Ausstellung „Tür an Tür“ im Martin-Gropius-Bau entfernt, in dem Nackte in einer Gaskammer Fangen spielen. Die Biennale hatte er von Anfang an zur politischen Plattform erklärt.

Einen Vorgeschmack darauf gibt nun eine Kampagne des von Zmijewski eingeladenen tschechischen Künstlers Martin Zet unter dem Titel „Deutschland schafft es ab“. Zet fordert Besitzer des Sarrazin-Buchs „Deutschland schafft sich ab“ auf, ihr Exemplar an einer der zwölf Sammelstellen in Berlin abzugeben, etwa bei der Berlinischen Galerie, dem Haus der Kulturen, der ifa-Galerie oder C/O Berlin. In ihrem Aufruf nennen die Kunst-Werke als Veranstalter der Biennale bundesweit neun weitere Sammelstellen bei Kunstvereinen und Museen.

Zet hofft auf einen Rücklauf von mindestens 60.000 Exemplaren der 1,3 Millionen verkauften Exemplare, um daraus eine Installation für die Biennale-Ausstellung zu schaffen. „Ab einem bestimmten Moment ist es nicht mehr wichtig, was die Qualität oder wahre Intention eines Buches ist, sondern welchen Effekt es in der deutschen Gesellschaft hat,“ erklärte der Künstler. „Das Buch weckte und förderte anti-migrantische und hauptsächlich anti-türkische Tendenzen in diesem Land. Ich schlage vor, das Buch als aktives Werkzeug zu benutzen, welches den Menschen ermöglicht, ihre eigene Position zu bekunden.“ Nach dem Ende der Ausstellung sollen die Bücher recycelt werden.

Das klingt nach heiterem kathartischem Prozess, die Verdrehung des Buchtitels als Überschrift für die Kunstaktion weist darauf hin. Doch erinnert die Sammlung und Entsorgung missliebiger Literatur fatal an die Bücherverbrennungen der Nazis, denen ebenfalls solche Aufrufe vorangingen. Die Ähnlichkeit dürfte beabsichtigt sein, denn das irritierende Aufgreifen von Bildformen und Rhetorik der Nazis gehört zur politischen Aufklärungsstrategie, mit der auch Zmijewski operiert. Das Logo der Biennale bedient sich nicht von ungefähr einer Formensprache mit martialischem Appeal.

Prompt regte sich nach dem gestrigen Aufruf Protest. Christoph Tannert lehnt es mit deutlichen Worten ab, das von ihm geleitete Künstlerhaus Bethanien als Sammelstelle zur Verfügung zu stellen. Er warnt davor, dass die Aktion „bestimmte historische Erfahrungen der Nazizeit und des Stalinismus ausblendet“.

Schon die Verwendung des Wortes „Sammelstelle“ erinnere ihn fatal an den Jargon im „Dritten Reich“. Aktion wie Reaktion verlaufen nach vorhersehbaren Mustern. Die Berlin Biennale selbst wird hoffentlich mehr zu bieten haben.

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