Kunstbetrieb : Schutzlose Nähe

Im Beltracchi-Skandal verlor er seinen Ruf als Kunstexperte. Wie Werner Spies seine Ehre verteidigt. Eine Begegnung.

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Vertrauen ist sein
Vertrauen ist seinFoto: dapd

Als er sich endlich doch zu einem Treffen durchringt, da macht er es genau so, wie es Picasso in den Siebzigern mit ihm gemacht hat. Bis zuletzt bleibt alles in der Schwebe: Eine Uhrzeit am Samstag, aber man soll eine Stunde vorher noch einmal anrufen, ob es bei dem Termin bleibt. 10 Uhr zum Frühstück im Hotel de Rome.

Werner Spies, der Gefallene, Werner Spies, die Kapazität. Der in der Beltracchi-Affäre wohl ärger beschädigt wurde als der Fälscher. Spies, der Max-Ernst-Kenner, ohne dessen millionenschweres Okay kein Ernst ein echter Ernst sein darf, hatte sieben Gemälde Beltracchis für echt erklärt. „Der größte Einbruch in meinem Leben.“

Seine Bedingung für ein Treffen: alle 600 Seiten seines Buches „Mein Glück“, das vor drei Wochen erschien, gelesen zu haben. Und keine Fragen über die Beltracchi-Affäre.

Anruf auf seinem Pariser Handy: Ich erwarte Sie, sagt er herzlich. Da quert man die Linden, und der Kopf hallt noch nach vom Paris der sechziger Jahre, da spazieren Nathalie Sarraute, Beckett, Max Ernst, Duchamp, Picasso und dessen kantiger Galerist Kahnweiler herum, da will Spies noch Priester werden, entkommt einer gnadenlosen Kindheit katholischer Art. Da quert man den Bebelplatz, und entdeckt neben all dieser kunstgeschichtlichen Erinnerung noch Platz für die drängende Ahnung, dass auf dem Grund dieses 600-seitigen Buches ein Schlüssel zu Werner Spies liegen muss. Und damit ein Schlüssel zu seiner Rolle im Fälschungsskandal.

Er sitzt im belebten Frühstücksraum in einer ruhigen Ecke. Der Kunstvermittler. Künstlerversteher. Der Gebeutelte. Der Experte, Professor, Autor, Ausstellungsmacher, Museumsdirektor. Spies, diese Ausnahmegestalt, die sich aus dem weiten Feld der Kunst eine große, gut sitzende, international sichtbare Silhouette ausgeschnitten hatte.

Erstaunlicherweise passt sie nun in einen ganz normalen Sessel.

„Man kann hier bis 14 Uhr frühstücken“, sagt Spies stolz, als sei auf diese Art das wilde Leben noch nicht vorbei, und bestellt einen Kamillentee.

Das Buch sollte der Schlusspunkt sein für die Beltracchi-Affäre und die Unwucht in seinem Leben beenden. Das rasende Interesse an einer Episode, über die er sich inzwischen zu reden weigert. „Es sollte eine Art Auferstehung werden“, sagt Spies. In der atemberaubenden Geschwindigkeit von nur zehn Monaten hat er seine Erinnerungen verfasst, denen man keine Hast anmerkt. Am Tiefpunkt seines Lebens – er spielte in Gedanken mit dessen Ende – beschloss er, sein Buch „Mein Glück“ zu nennen.

Man kann sehen, dass die Kunst, die für viele nur ein Spielplatz ist, für ihn existenzielle Erkenntnisse bereithält. Viel mehr als einen Beruf, entwickelt er aus seinem Interesse eine Lebensweise. Im Buch kann, wer will, sehen, wofür man ihn so viele Jahre geschätzt hat: Er verknüpft Erlebnisse originell, er verbindet Wissen mit spontanen Assoziationen, ab und an schimmert Humor durch.

Aber es hört trotzdem nicht auf. „Der Ruhm der anderen“, überschrieb der „Spiegel“ seine Rezension, und monierte, dass nur sechs Seiten vom Fälscherskandal handeln. „Infam“ findet Spies das. „Ich saß nicht dabei, um mich in fremdem Ruhm zu sonnen, ich habe für alle etwas unternommen. Der Alltag ist legitimiert durch Arbeit“, kratzbürstet er. Und weil alle anderen das bis zu Beltracchis Enttarnung ja auch so sahen, hat er so viele Auszeichnungen bekommen.

Dann klingelt sein Handy. Tomi Ungerer ist dran. Spies ist fast zärtlich: Ungelegen jetzt, aber ich freue mich, ich umarme dich. Vom Urlaub in Kanada später.

Das Wort „Begegnung“ kommt im Buch 129 Mal vor. Wenn man sich heute darüber mokiert, dass Spies ein Künstler ohne eigenes Werk geblieben ist, der sich nur an Prominente hänge, stimmt das nicht. Die „Begegnung“ ist seine eigene Kunstform geworden. Nähe ist sein Handwerkszeug, seine Technik, sein Arbeitsmittel. Spies beschreibt, wie er mit den Symptomen eines Verliebten Treffen entgegenfiebert, denen zugleich immer die Möglichkeit einer persönlichen Erlösung innewohnt. Sein Umgang mit Menschen ist suchthaft. Das Hoffen, die Erwartung, die Erleichterung, wenn sich ein Raum öffnet, eine Ebene einstellt, eine Erkenntnis lockt.

Spies blüht auf im Paris der sechziger Jahre. Die Nähe bedeutender Männer scheint wie eine ständige Massage auf seinen Geist zu wirken. Er macht keinen Hehl daraus, wie sehr ihn auch begeistert, dass sie bekannt sind. Auf den Fotos, die ihn immer mit jemand anders zeigen, ist das freudige Echo ihrer Zuwendung zu lesen.

Die Bemühungen, die zur Herstellung dieser Nähe führen, sind immens. Spies insistiert, er bereitet sich vor, er stellt in Aussicht, er lockt, er bietet an, er wird empfohlen und empfiehlt. Mittagessen, Festreden, Mitbringsel, Widmungen, Hommagen, Festschriften – alles Bänder, die die Loyalitäten festzurren.

Spies trifft zum Beispiel den deutschen Maler Josef Albers, der auch in Yale lehrt, und schreibt: „Bei jedem Besuch unterzog er mich einer Lehrstunde.“ Wenn er und seine Frau sich zum Mittagsschlaf zurückzogen, „hängte er ein anderes Bild an eine Wand im Salon und wies mich an, in einem Sessel davor zu sitzen. Es gab nichts zu lesen (...). Dieses Experiment konnte bis zu zwei Stunden dauern.“ Dann entließ ihn der Künstler aus der „Einzelzelle“. Spies empfand das nicht als demütigend. Er wartete, bis Albers ausgeschlafen hatte. So wie er wartete, dass Max Ernst ausgeschlafen hatte. Alle durften ausschlafen, Spies nahm Rücksicht, dafür durfte er bei Beckett einfach klingeln. Nähe und Vertrauen sind positiv besetzte Begriffe, die in beide Richtungen funktionieren.

Und dann beschreibt er die Rolle von Max Ernst in seinem Leben. Bei einer ersten Begegnung mixt der ihm zunächst einen Whiskey Sour im Verhältnis 5:3:2. Whiskey, Zitronensaft, Zuckersirup. Später tilgt er ein tief sitzendes Gefühl des Defizitären aus Spies’ Leben: „Bereits als Kind wurde ich das Gefühl nicht los, das eigentliche Leben tuschele hinter meinem Rücken“, schreibt er.

„Ich suchte nach einer schutzlosen Nähe zu Werken und Menschen,“ bekennt er. In der Kunst hat er dann die neue Disziplin der Begegnung ausgerufen. Und nur, weil sein Bedürfnis so stark ist, wird seine Arbeit so gut.

Tatsächlich holt er aus diesen Mittagessen (22 Erwähnungen in „Mein Glück“), den Frühstücken (15) und Abendessen (23) mehr heraus als die meisten. Er animiert Schriftsteller dazu, Hörspiele eigens für den Süddeutschen Rundfunk zu verfassen. Es gibt Werke, die ohne ihn nicht entstanden wären. Er vermittelt nach Deutschland und zurück. Man denkt sich die Bezeichnung Kunstvermittler für ihn aus. Die deutsch-französischen Beziehungen gedeihen. Er macht sich an ein Werkverzeichnis von Max Ernst und widmet sich Picassos Skulpturen.

Nur wer vertraut, dem vertraut man etwas an.

Als er Max Ernst seine Arbeit zeigt, eine Publikation über die Quellen seiner Collagen, die dieser auch leicht als Entlarvung verstehen könnte, sagt Ernst: „Niemand außer dir hat das Recht, das so zu veröffentlichen.“ 

„Sie sagen Du zu Kahnweiler?“ fragt ihn Picasso erstaunt. „Ich habe das nie gemacht.“ Kahnweiler war Picassos Galerist.

Tatsächlich entsteht weit mehr als nur Intimität. Spies scheint die nach innen gerichteten Künstler um eine fehlende Charaktereigenschaft zu ergänzen. Er wird ihre Verlängerung in die Welt. Ihr Übersetzer. Auf diese Art wird er Teil der Kunst. Aber das größte Wunder ist: Spies gelingt das Kunststück, dass sein eigenes schreiendes Bedürfnis nach Nähe und Anerkennung sich zu einem einzigartigen Lebenswerk formt. Persönliche Schwächen werden zu beruflichen Stärken, ein Minderwertigkeitskomplex zu Freundschaft, Bedürfnis zu Fähigkeit. Bis 2010, als die Beltracchis auffliegen, hat er seinen Makel in eine einzigartige, allseits bewunderte Lebensleistung umgewandelt.

Spies drängt jetzt freundlich zum Buffet, als der Herr drei Tische weiter, der schon eine ganze Weile interessiert herüberguckt, sich als der Fotograf Andreas Gursky entpuppt. Zur hellen Freude von Spies. Sie kennen sich aus seiner Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie. Spies stellt jetzt vor, breitet die Arme aus, ist interessiert, tauscht aus.

Zum zweiten Mal platzt in dieses Treffen eine spontane Begegnung mit einem Freund. Spies reagiert körperlich belebt. Es ist, als würde ein stetes Streicheln seine Lebenssäfte in Bewegung halten.

Auf dem Grund des tiefen Brunnens dieses Buches, das ja sein Leben ist, liegt schimmernd Werner Spies’ Bedürfnis nach Nähe und Bestätigung. Es ist der Schlüssel für seinen Erfolg geworden. Und dieser Schlüssel passt zugleich zu Spies’ Rolle in der Beltracchi-Affäre.

Ist ihm nie der Gedanke gekommen, dass Nähe zweischneidig ist? Dass sie ihn behindern könnte in seinem Urteil?

Im Gegenteil habe ihm diese Nähe es erst ermöglicht, die Künstler wirklich zu verstehen, sagt Spies. „Hinter der Behauptung der Notwendigkeit von Distanz kann auch etwas anderes stecken: Berührungsängste, persönliche Komplexe.“

Er will verstehen, nicht verhören. Als er im Schlafzimmer der südfranzösischen Villa von Helene Beltracchi hinter dem Bett auf einer Staffelei einen mutmaßlichen Max Ernst lehnen sieht, da meldet sein System keine Erschütterung. Die Situation: wie immer. Tausendfach erlebte Privatheit.

Er prüft die Situation, dann schaut er das Bild an. Er erwartet keinen Betrug. Der Betrug ist ja seiner Expertise vorgelagert. Er geht nicht davon aus, dass die Prämisse nicht stimmt. „Stilkritisch“, wird er nachher sagen, habe das Bild ins Werk gepasst. Und das sagt er noch heute.

Man sagt, er sei den Fälschern gutgläubig auf den Leim gegangen. Aber wie soll er den Leim entdecken? Wo hört Charme auf und fängt Leim an?

Spies beschreibt in seinem Buch, wie Andy Warhol Max Ernst besucht. Weil Warhol gehört hat, dass Ernst Hunde gerne hat, leiht er sich für seinen Besuch ein weißes Tier aus. Ernst ist entzückt, doch da kommt seine Frau Dorothea Tanning dazu. „Sie war alles andere als erfreut über die Anwesenheit dieses Gastes, dem sie unterstellte, er wolle nur von Max profitieren,“ schreibt er. Tanning misstraut, sie wittert Leim.

Und Spies? Sitzt im Frühstücksraum des Hotel de Rome und ist noch immer begeistert von der unschuldig verspielten Idee Warhols. Wahrscheinlich zu Recht. Diese Lust, eine Freude zu machen! Er erkenne da etwas Rührendes, Echtes. Misstrauen zerstört für Spies die Nähe in Beziehungen. Er hält Misstrauen für einen kleinlichen Zug.

Früher haben sie ihn deshalb für ein „Genie der Freundschaft“ gehalten. Aber jetzt sitzen überall die anderen und nennen ihr Misstrauen plötzlich „gesund“.

„Ich weiß jetzt genau, wo meine Freunde und meine Feinde stehen“, sagt Spies. Vorher hat er gar nicht gewusst, dass er Feinde hatte. „Ich habe allen vertraut, ich war immer naiv.“

Wer ein Gemälde prüft, muss einen Verdacht zulassen können, ihn entwickeln, ihm nachgehen. Er muss die Möglichkeiten eines Betrugs immer mitrechnen. Aber diese Möglichkeit kommt in Spies’ Denken nicht vor. Er hat diesem Gedanken zeitlebens die Nahrung verweigert. Spies hegt kein Misstrauen, dieses Messgerät ist unterentwickelt. Er kommt gar nicht auf den Gedanken, es zu benutzen. Und auch seine frühen Vorbehalte gegenüber diesem Gespräch wirken angelernt, er ist jetzt sehr herzlich.

In der Pause, die nun entsteht, hängt etwas Unausweichliches. Es war die Übung seines Lebens, Vertrauen zu vergrößern. Und vermutlich ist er genau deshalb nicht mehr in der Lage, eine Täuschung zu vermuten. Dem Mörder, den er kennt, öffnet jeder die Tür.

„Verdrängen ist auch eine Überlebenstechnik.“ Das sagt man jetzt zu ihm, um etwas zu sagen.

Spies erwidert daraufhin nichts, aber er nickt. Er glaubt, alle glauben, dass er nur sechs Seiten zum Beltracchi-Skandal geschrieben hat. Sechs Seiten dazu, wie er sich hat täuschen lassen können. Dabei handeln 600 Seiten davon, warum er durch sein ganzes Leben vielleicht die denkbar ungeeignetste Person dafür ist, Betrug zu wittern. Da steht virtuos geschrieben, wie sein Leben, Streben und Weben in die andere Richtung zielt: auf die Herstellung von Nähe. Ihn beschäftigt auch weniger sein fachlicher Irrtum – er knabbert an der Erosion seiner Beziehungen.

Seit der Sache mit Beltracchi plagt ihn Schwindel. Er merkt, wie die Welt sich dreht.

Für einen, der jahrelang fühlte, „dass die Welt hinter meinem Rücken tuschelt“, muss es das Schlimmste sein, wenn die Welt ihm tatsächlich etwas vorwirft. Und auch noch mit Recht. Man schreibt über seine Defizite in den Zeitungen. Man fragt, was da in ihn gefahren ist, und ob das nicht vielleicht schon immer in ihm drin war. Alle wollen wissen, wie es zu dem Schweizer Nummernkonto kam und warum Spies nicht nur die Werke falsch beurteilte, sondern danach auch noch Hunderttausende Euro Provisionen für ihren Verkauf kassierte. 75 Jahre Werner Spies hatten nicht gereicht, um all das zu verhindern. Eine Ur-Angst hat ihn eingeholt.

Vielleicht ist dies der Grund für sein beinahe komisches Unvermögen, über die Sache zu reden. Er bringt es einfach nicht fertig. Er spaltet es als Epilog von seinem Leben ab. Bizarr steht die Eloquenz auf der einen neben der Wortlosigkeit auf der anderen Seite. Er sieht nicht, wie fremd anderen die Gepflogenheiten des Kunstbetriebs sind. Und wie empörend es wirkt, dass er seine Auferstehung fordert, aber vorher den Tod verweigert.

Werner Spies verabschiedet sich vom Hotelpersonal mit einem langen, beidhändigen Händedruck. Am Abend findet der Salon statt: Spies wird lesen, dafür ist er eigens aus Paris angereist. Es gibt Wangenküsse. Spies glüht belebt. Jeder Salon ist ein Massage-Salon. Unter dem Wilmersdorfer Türsturz der Familie Pues sitzt er vor rosa Gerbera. Das Schweizer Nummernkonto mit dem Namen „Imperia“ ist weit weg, und als das Parkett unter den Füßen der Berliner Salonlöwen zu knistern aufhört, beginnt er zu lesen: „Es gab wohl keinen immenseren und verwegeneren Wunsch für jemanden aus meiner Generation als den, Picasso zu treffen.“

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