Kunstfälschung : Ein Pferd auf der Flur

Das Prinzip Beltracchi: ein Buch zeichnet spannend den größten Kunstfälscherskandal Deutschlands nach

von
Gesichtspflege. Wolfgang Beltracchi vor Gericht. Foto: dapd Foto: dapd
Gesichtspflege. Wolfgang Beltracchi vor Gericht. Foto: dapdFoto: dapd

Gefängnis light und eine Website, auf der man den Kunstfälscher im Pelzmantel posieren sieht: Das ist nicht viel am Ende eines Prozesses, der über die kriminellen Strategien von Wolfgang Beltracchi zu richten hatte. Und viel zu wenig für einen Mann, der so berühmt sein will wie seine Vorbilder Max Ernst, André Derain oder Heinrich Campendonk. Der von sich behauptet, er habe sich intuitiv in jene Maler hineinversetzen können, bevor er ihre Werke kopierte.

Was für einen verbalen Kitsch der Mann – auch in Zeitungsinterviews – verbreiten durfte! Sein „Beltracchi-Projekt“ macht im Internet nun exakt dort weiter und schreibt die Legende um den sympathischen Trickser fort. Unendlich ernst blickt Beltracchi auf einem Foto, die Strichliste darunter annonciert sechs Jahre Haft. Tatsächlich darf er sie im offenen Vollzug ableisten, weil ihn ein alter Freund im eigenen Fotostudio beschäftigt. So viel Resozialisierung verdient eine Chance. Dass Beltracchi seine vom Fotografen gemachten Porträts übermalt und teuer anbietet: geschenkt. Der Fälscher hat schließlich Schulden. Er hätte also allen Grund zur Freude darüber, dass nun noch ein „Doku-Krimi“ mit dem Protagonisten Beltracchi erscheint. Doch die beiden Autoren Stefan Koldehoff und Tobias Timm meißeln nicht an seinem Monument als Filou des Kunstmarktes. Sie entzaubern ihn vielmehr als geldgierigen Profi.

In „Falsche Bilder, echtes Geld“ tragen Koldehoff, Kulturredakteur beim Deutschlandfunk, und „Zeit“-Autor Timm das verfügbare Material und ihre eigenen Recherchen im Fälscherskandal zusammen. Nichts davon ist erfunden, alle Beteiligten werden namentlich genannt, manche abgekürzt. Es liegt nahe, dass sich die Autoren mit der Gattung Krimi juristisch absichern wollten. Denn es ist ein wütendes Buch geworden, das dort ansetzt, wo andere nicht genau hinsehen wollten. „Es hätte gute Gründe dafür gegeben, das Verhalten der Branche ebenfalls als Teil des Skandals zu thematisieren“, schreiben die beiden. Weil die Gewinnmargen in diesem Geschäft hoch seien wie sonst nur im Waffenhandel oder in der Prostitution.

Auch das LKA Berlin hat lange ermittelt. Vor dem Kölner Gericht aber blieben die Akten ungenutzt. Und selbst wenn das Buch auf seinen 270 Seiten wenig bringt, was man nicht während des Prozesses lesen konnte, arbeiten die Autoren noch einmal die Mechanismen des Kunstmarktes heraus, die Fälschungen erst möglich machen. Sie haben es nicht nur Beltracchi ermöglicht, sich ein Vermögen anzueignen, das er mithilfe diverser Bankkonten und Investmentfonds durch die Welt verschob. Nicht Ekel vor den reichen, gierigen Kunstsammlern hat ihn getrieben, wie Beltracchi gerne behauptet – er wollte offenbar selbst einer sein.

Die Geschichte beginnt 2006 im Kölner Auktionshaus Lempertz und zeichnet akribisch nach, wie der erste Verdacht beim „Roten Bild mit Pferden“ aufkam, das Heinrich Campendonk gemalt haben sollte. 800 000 Euro wollte Auktionator Henrik Hanstein mindestens sehen. Am Ende wurden es 2,4 Millionen. Als eine Genfer Galerie die finanzielle Abwicklung für den Käufer übernahm, stellte sie fest, dass keine Expertise zum Bild vorhanden war. Es folgen widersprüchliche Aussagen, und letztlich kam hier alles ins Rollen, weil 2008 die Berliner Rechtsanwältin Friederike von Brühl eine Zivilklage gegen das Auktionshaus anstrengte.

Der Plot liest sich tatsächlich wie ein Krimi, die Autoren führen Fäden zusammen und kritisieren das mangelnde Interesse an Aufklärung. Und heben neben dem Kunsthistoriker Ralph Jentsch, dessen Kenntnisse die Fälscher letztlich auffliegen ließen, immer wieder die Campendonk-Expertin Andrea Firmenich hervor. Sie habe lange mit ihrer Expertise für Lempertz gezögert, heißt es, dann aber das „Rote Bild mit Pferden“ für authentisch befunden. Dass ein Münchner Institut zur selben Zeit Pigmente in dem Bild entdeckte, die der Maler nicht verwendet haben konnte, wusste sie da noch nicht. Dennoch ließ ihr die Leinwand auch deshalb keine Ruhe, weil sie von einem Aufkleber auf der Rückseite irritiert war: „Es ist Andrea Firmenich, die trotz ihrer Fehleinschätzung mehrerer angeblicher Gemälde von Heinrich Campendonk den Anstoß gibt.“ Als sie nämlich mit Jentsch einen Kenner der deutschen Kunsthandel-Historie hinzuzieht.

Er entlarvt das Label, das die Provenienz des Bildes aus der legendären Sammlung von Alfred Flechtheim beweisen soll, als Fälschung. Jentsch informiert auch Firmenich darüber, doch sie zieht ihre Expertise nicht zurück. Weshalb sie das unterlässt, klärt das Buch bis zum Ende nicht. Das letzte Kapitel über Lempertz, Beltracchi, Firmenich und andere Experten scheint damit noch nicht geschrieben.

Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Falsche Bilder. Echtes Geld. Galiani Verlag, Berlin. 274 Seiten, 19,99 €.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben