KURZ & KRITISCH : Klassik, Diskursrock

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Wenn

Stimmen vergehen

Die Liste ist lang. Dietrich Fischer-Dieskau, Christa Ludwig und Victoria de Los Ange-les haben es getan, Montserrat Caballé und Jessye Norman tun es, Placido Domingo liefert derzeit als Parsifal an der Lindenoper einen hübschen Beweis, und wenn sein Kollege José Carreras mal wieder auf Tournee geht, dann tut auch er es unter dem Motto: Wie alt meine Stimme ist, bestimme ich. Sänger, die nicht aufhören können – ein Mythos, ein Mirakel. Schließlich sind Aura, Augenzwinkern und Erfahrung mindestens so sexy wie makellose Töne und eine straffe Haut.

Die Sopranistin Anja Silja, die sich in ihrem Leben einmal quer durchs Opernrepertoire gesungen hat, wird nächstes Jahr 70. Ein Bühnentier, eine Dramatische. Was sie treibt, ihren sängerischen Lebensabend nun mit Liedern zu beschließen, bleibt am Sonntag in der Komischen Oper rätselhaft. Russian Romance nennt sich das Programm und ist, gelinde gesagt, eine Mogelei. Zwischen den fünf Tschaikowsky- und den sieben Rachmaninow-Liedern, die Silja in Originalsprache vorträgt, darf der (russische) Begleiter sich auf Kreuzschifffahrtsniveau mit Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“ und Skrjabins neunter Klaviersonate befassen. Ansonsten bleibt die Erkenntnis, dass auch Stimmbänder Muskeln sind und dem physiologischen Altersprozess unterworfen. Ein paar stämmige SiljaTöne sind sicher noch da, aber mit Liedgesang, Farben, einem Ausleuchten der russischen Seele haben sie nichts zu tun. Und groß atmosphärisch war die Silja nie. Traurig. Christine Lemke-Matwey

DISKURSROCK

Wie

Lautmaler sprechen

Kurz vor der Renovierung der Volksbühne wird der Theaterraum für ein letztes Konzert genutzt: Kante aus Hamburg haben sich Besonderes ausgedacht: Ein rein instrumentales Set kündigt Bassist Peter Thiessen an, schließlich könne man auch als Diskursrock-Band mal die Klappe halten. Zwar wird das Konzept schon im Opener „Moon, Stars & Planes“ über den Haufen geworfen, weil Thiessen ein paar Zeilen auf Englisch singt. Aber sein Nuscheln darf als ergänzende Klangfarbe gedeutet werden. Wie kaum eine zweite Band bündeln Kante mäandernde Texturen und Ausflüge in reine Lautmalerei zu organisch groovenden Songs. Ergänzt durch ein Bläserduo interagieren die fünf Kante-Mitglieder auf höchstem Niveau, wobei vor allem Schlagzeuger Sebastian Vogel die Verhältnisse zum Tanzen bringt.

Doch selbst instrumentale Songs kommen bei Kante nicht ohne intellektuellen Überbau aus: Sie handeln vom Sieg der kommunistischen Weltrevolution („New Babylon“), sind Hommage an einen James-Bond-Bösewicht („Baron Samedi“) oder gruppieren sich um einen Theatertext von Heiner Müller („Der Engel der Verzweiflung“). Zum Glück klingen sie im Zweifelsfall eher wie geschmackvolle Krimi-Soundtracks aus den Sechzigern. Am Ende singt Peter Thiessen Verse von Billie Holiday. Seine erkältungsheisere Stimme wird umhüllt vom schwächer werdenden Pulsieren einer Klangmembran, mit der Kante das Konzert nach 90 Minuten zum ergreifenden Finale bringen. Jörg Wunder

KLASSIK

Wo

Klänge fluten

Einen 2400-Plätze-Saal zu beschallen ist eine Sache. Ihn musikalisch auszufüllen eine ganz andere. Als Arcadi Volodos nach der vierten Zugabe die Bühne der Philharmonie verlässt, ist jeder Winkel des Raumes mit Klang geflutet.

Schon der Beginn: Skrjabin, das Feuerwerk. Einmal angezündet, entflammt es sich immer wieder neu. Fünf Werke des Russen hat Volodos ausgewählt, die er ohne Unterbrechung, teilweise mit gehaltenem Pedal aneinanderreiht. Dass zwischen den Kompositionen, wie dem b-Moll Prélude Op. 11 und den Guirlandes Op. 73 mitunter 20 Jahre liegen, macht diese Interpretation kritisierbar – tatsächlich schafft der Pianist einleuchtende Zusammenhänge, ohne den Einzelwerken Autonomie zu rauben. Auch Ravels „Valses nobles et sentimentales“ formen sich zart-fließend zur Einheit, fantastisch matt schimmernden Klangfarben. Impressionistischer kann Musik wohl nicht klingen. Dann der Kontrast zweier Weltanschauungen: Schumanns Waldszenen und Liszts Fantasie „Après une lecture de Dante“, beide 1849 komponiert und doch Lichtjahre voneinander entfernt. Schumann: arg süßlich geraten. Liszt: ein Klanggewitter. Über ur-tiefe, virtuos entworfene Flächen schickt Volodos Tritonus-Blitze in den Saal. Brachialer Abschluss eines zauberhaft filigranen Abends. Daniel Wixforth

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