Kultur : Kuss der Natur

Sticht gut: Carmen Stephans Roman „Mal Aria“.

Moritz Scheper

Dieses Buch dürfte die Marketingabteilung des Verlages in den Wahnsinn getrieben haben. Denn wie bewirbt man einen Roman, der aus der Perspektive einer Anopheles-Mücke erzählt ist? Eine kuriose Erzählsituation, die erstaunlich gut funktioniert. Mit wirkmächtigen Sätzen von schlichter Schönheit schildert Carmen Stephan in „Mal Aria“ die Amour fou zwischen einem namenlosen Moskito und einer schönen Architektin. Nach dem verhängnisvollen Todeskuss im amazonischen Urwald weicht die Mücke nicht mehr von der Seite jener Frau, in deren Körper sie die Malaria gepflanzt hat. Sie lässt sich, während die Geißeln in den Blutbahnen der Frau erstarken, in deren Fieberträumen treiben. Und folgt ihr auch zu den Wunderheilern und Ärzten, die Malaria mit Denguefieber verwechseln.

Diese Odyssee nimmt Stephan zum Anlass, die an Missverständnissen reiche Forschungsgeschichte der Malaria zu referieren. Wobei „referieren“ eine eher unzutreffende Vokabel ist, mit einer solchen Leichtigkeit gehen ihr die Sätze von der Hand. Während sich schrittweise der Körper von der Architektin „wie eine Kirsche vom Kern“ trennt, erfährt man, wie anfänglich ein unbekanntes Bakterium als Erreger galt. Der französische Militärarzt Laveran konnte schließlich 1880 einzellige Parasiten im Blut von Malariainfizierten nachweisen. Dass diese Geißeln von Moskitos übertragen werden, entdeckte um die Jahrhundertwende der britische Schöngeist Ronald Ross. Ein eitler Italiener in der Campagna Romana wiederum konnte die Anopheles als alleinigen Zwischenwirt identifizieren.

Inzwischen ist die Malaria entmystifiziert. Und doch ächzt und stöhnt hier der einst so gesunde Frauenkörper unter dieser Krankheit. Die verliebte Anopheles, so verzweifelt sie um die Köpfe der Ärzte schwirrt, um sie zur richtigen Diagnose zu treiben, bleibt der Vertreter einer großen, unheimlichen Natur. Mit diesem dunklen Pantheismus passt Stephans Roman gut in eine Zeit, in der sich die Natur über Hurrikans, Tsunamis und Erdbeben nachdrücklich in Erinnerung bringt. Zwar übertreibt Carmen Stephan hin und wieder die apokalyptischen Beschwörungen. Doch wo sonst findet man in der zeitgenössischen Literatur Debütanten, die sprachlich feinsinnig und mit profundem Hintergrundwissen Bilder so langsam, schön und morbide produzieren wie sonst nur Filme von Sofia Coppola?

Dass die siechende Architektin Carmen heißt und auch sonst viele Gemeinsamkeiten mit der 1974 geborenen Autorin aufweist, ist übrigens keine biografistische Spielerei. Sondern ein Verweis auf Bizets gleichnamige Oper, in der José seine geliebte Carmen unter Tränen niedersticht. „Liebe ist wie ein wilder Vogel“, heißt es in Carmens berühmter Arie aus dem ersten Akt. Genau wie diese sich nicht fangen und zähmen lässt, kann der Mensch die Natur weder verstehen noch kontrollieren. „Mal Aria“ singt ein zartes Lied davon. Moritz Scheper

Carmen Stephan: Mal Aria. Roman. S. Fischer, Frankfurt/Main. 208 S., 18,99€.

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