La Grande Bellezza : Das zartbittere Leben

Federico Fellinis "La dolce vita", ein Meisterwerk des Kinos, kann man nicht toppen. Aber auf höchst originelle Weise fortschreiben. Paolo Sorrentino erzählt in "La grande bellezza" die Geschichte des alternden Klatschreporters Jep Gambardella - mit einem brillanten Toni Servillo in der Hauptrolle.

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Römische Elegie. Jep Gambardella (Toni Servillo, links) zeigt sich von seiner freundlichen Seite und tröstet einen Witwer.
Römische Elegie. Jep Gambardella (Toni Servillo, links) zeigt sich von seiner freundlichen Seite und tröstet einen Witwer.Foto: DCM

Ja, der Schluss. Es ist früher Morgen, die Partygesellschaft stolpert an den Strand, und der reichlich beschwipste Held im feinen weißen Leinenanzug sieht plötzlich das Mädchen am jenseitigen Ufer einer Flüsschenmündung stehen. Es ist die blonde Kellnerin mit dem Pferdeschwanz, der er unlängst ein paar Komplimentchen machte, und jetzt ruft sie ihm was zu, macht ihm Zeichen, tänzelt drüben im Sand, lächelt nur für ihn. Aber das Wasser ist viel zu tief und das Meer rauscht so mächtig, und so ruft er nur hinüber: „Ich versteh’ nicht, ich kann dich nicht hören ...“ Und kleines, beiderseitiges Winken zum Abschied.

Schon recht, „La grande bellezza“, der neue, wieder einmal grandiose, inzwischen sechste Film von Paolo Sorrentino, endet nicht so. Aber irgendwie fast. Der Held steht auf einer Felseninsel, das Meer rauscht, und endlich erinnert er sich wieder daran, was seine Jugendliebe Elisa in jener frühen, wunderbaren Sommernacht sagte. Ja, auf einmal versteht er ihre Wörter wieder, es ist nur ein Sätzchen, er kann sie wieder hören und sehen, und in seiner Vorstellung ist sie, natürlich, überirdisch schön. Abschied könnte er nehmen jetzt oder anfangen, wieder anfangen zu schreiben, richtig zu schreiben, nicht für das Klatschmagazin, das ihm, dem Starreporter, ein Leben in Saus und Braus ermöglicht, sondern endlich, endlich seinen zweiten Roman. Und das ist der Anfang dazu.

Sie sind miteinander verwandt: Marcello Rubini aus Fellinis „La dolce vita“, der bezaubert ist von der Unschuld des Mädchens, das beim Tischedecken im schlichten Strandrestaurant allein durch zartes Plaudern zwei Film- und Lebensminuten lang seinen Gesellschaftsekel linderte – und der alternde Playboy Jep Gambardella aus „La grande bellezza“, stets im weißen Leinenanzug und mit seinem wie mit Altöl eingefetteten Silberhaar. Oder sind sie ein und dieselbe Person? Society-Schreiberlinge, die es nicht zur Karriere als Romancier gebracht haben, kleine Zyniker, die den großen Moralisten in sich halbwegs elegant zu verbergen suchen? Charmante, beliebte, dauerglitzernde Oberflächenerscheinungen der verdammt real existierenden Welt und zugleich mit lebenslanger Sehnsucht nach Tiefe?

Anita Ekberg und "La dolce vita"
Ikone der Sixties: Anita Ekberg in der berühmten Trevibrunnen-Szene in "La dolce vita", 1960. Die schwedische Schauspielerin starb am Sonnabend, den 10. Januar 2015, in der Nähe von Rom.Weitere Bilder anzeigen
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11.01.2015 19:25Ikone der Sixties: Anita Ekberg in der berühmten Trevibrunnen-Szene in "La dolce vita", 1960. Die schwedische Schauspielerin starb...

Auch wenn Paolo Sorrentino derzeit allenthalben beteuert, Fellinis Meisterwerk von 1960 habe ihn höchstens „unbewusst“ inspiriert: Zahllose Indizien deuten darauf hin, dass er Fellinis Helden, der bedenken- und haltlos durch die Partynächte Roms streunte, sehr gezielt auf eine Zeitreise geschickt hat – eine ins Heute und ins unabwendbare Älterwerden hinein. Fellini war knapp 40, als er den Mittdreißiger Marcello Mastroianni losließ in die Luxuswelt der späten Fünfzigerjahre; und Sorrentino, Anfang Vierzig, lässt nun den Anfangfünfziger Toni Servillo einen Mittsechziger spielen, auch ihn in einer urbanen Luxusgesellschaft, aber in einer, die die große Krise wegzusaufen und wegzukoksen und wegzubotoxen sucht. Nur dass gegenüber der sterbenslustigen Lebensleere überwiegend junger Leute bei Fellini nun die fühlbare Panik vorm Tod hinzukommt.

Jep Gambardella, der selbsternannte König der Mondänen, scheint sie noch am wenigsten zu empfinden. In seinen Spaziergängen im Morgengrauen, in seinem trotz aller Partymacherei dauernüchternen Blick auf das ihn umgebende Humanbiotop wirkt er von akzeptierter Einsamkeit und dem Wissen um Vergänglichkeit nahezu entspannt durchdrungen – anders als Fellinis Held, der, mit zänkischer Verlobter und einem Papa zum Fremdeln und Fremdschämen, noch mitten im existenziellen Erkenntniskampf steht. Doch in der entfesselt feierwilden Gesellschaft der nicht mehr so viel Jüngeren, die sich noch jünger und schöner spritzen lassen, steckt schon die Verwesung, quietschbunt und klaftertief.

Was also passiert in „La dolce vita 2“? Jep geht durch das Fegefeuer der Eitelkeiten wie Marcello, nur weniger staunend. Und vor dem gelegentlichen Herausschleudern böser Wahrheiten kann er auf die Zuführung strafmildernden Alkohols weitgehend verzichten. Seine sogenannten Freunde versammelt er in Hundertschaften zu Beginn auf einer rauschenden – und berauschend von Luca Bigazzi ins Bild gesetzten – Dachterrassenparty anlässlich seines 65. Geburtstags. Kleingrüppchen lädt er auf die eigene Terrasse nahe dem Kolosseum, wo er etwa die Lebenslügen der Fernsehfrau Stefania (Galatea Ranzi) in einem fulminanten Monolog enttarnt. Einmal ist er dort mit Ramona (Sabrina Ferilli) ganz allein, und, siehe da, aus Geräusch wird Gespräch. Die alternde Stripperin erinnert an die von Anouk Aimée in „La dolce vita“ gespielte Edelhure Maddalena, und die verblüffende erotische Nähe zweier Illusionsloser erklärt sich ebenso mathematisch: Minus mal minus gibt plus, Kälte mal Kälte erlaubt – für einen Lebensaugenblick – Wärme.

Regisseur Paolo Sorrentino
Regisseur Paolo SorrentinoFoto: DCM

167 zeitlose Minuten dauerte „La dolce vita“, und auch Paolo Sorrentino gibt seinen Zuschauern immerhin 147 durchweg hochspannende Minuten, in denen ein paar Tage oder allenfalls Wochen im Leben des sich selbst oberüberflüssig findenden Jep Gambardella vergehen. Nächtliche Wanderungen durch wunderbare römische Palazzi, deren Türen sich geheimnisvoll öffnen; ein Wunder, in dem Flamingos vorkommen, und ein Zaubertrick mit Giraffe, oder ist es umgekehrt; und überhaupt Rom, nur dass es, anders als in Fellinis kalt kontrastreichem Schwarzweiß mit seiner Lust auf Baustellenmoderne, farbsatt leuchtet – in Cinemascope. Und irgendwann, wenn auch nur in träumender Vergegenwärtigung, geht es ans Meer. Soviel Sentimentalität darf sein.

Ach ja, der Schluss. Wer denkt, der Film sei zu Ende, wenn der Abspann beginnt, irrt sich gewaltig. Und das ist keineswegs metaphorisch gemeint.

Ab Donnerstag in elf Berliner Kinos; OmU: Babylon Kreuzberg (dort auch ein Doppel mit „La dolce vita“ am 2. August), Hackesche Höfe, International, Neues Off

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