"La Traviata" auf Schloss Rheinsberg : Wo falsche Hasen tanzen

Frank Matthus, der neue Festivalleiter der Kammeroper Schloss Rheinsberg, inszeniert erstmals im Heckentheater – eine gezähmte „La Traviata“.

Tomasz Kurianowicz
Prösterchen! „La Traviata“ feuchtfröhlich im Ruppiner Land.
Prösterchen! „La Traviata“ feuchtfröhlich im Ruppiner Land.Foto: Jens Kalaene/dpa

Schloss Rheinsberg glüht vor Sommerhitze und die Mücken sitzen in den Startlöchern, als die Zuschauer Platz nehmen, um die Inszenierung von Verdis „La Traviata“ im Heckentheater unter freiem Himmel zu genießen – zwischen preußischer Prunkarchitektur, See und Brandenburgischem Wald. Zum ersten Mal führt Frank Matthus Regie, der neue Direktor also, der dieses Jahr seinen Vater Siegfried als Festspielleiter beerbt hat. Schon mit Blick aufs Bühnenbild fällt auf, dass sich der ausgebildete Schauspieler mehr dem kleinen Format verpflichtet fühlt: auf dem erhöhten, sechseckigen Podest findet sich kaum Dekor. Allein Violetta ist zu sehen; die kranke, medikamentenabhängige Schönheit, die von zwei Kurtisanen von ihren Kniestrümpfen befreit wird, um in Strapsen und Büstenhalter alle Männerblicke auf sich zu ziehen.

Der junge Matthus ist jedoch kein Provokateur. Er bringt durch den einfachen Kontrast zwischen lyrischer Magie und menschlicher Begierde Verdis Oper als brodelndes Allerweltsgemisch auf die Bühne. Die Rechnung geht nur stellenweise auf: Die 1983 in Mexiko geborene Sopranistin Graciela Rivera-Quiroz als Violetta vermag der dramaturgischen Kargheit und der wenig ausdifferenzierten Szenenfolge noch standzuhalten. Ihre Stimme ist klar, pointiert, in den Phrasierungen trotz der etwas zu leise eingestellten Musikanlage von betörender Kraft.

Doch J. Warren Mitchell aus den USA als Alfredo hinkt deutlich hinterher: Sein Tenor ist zwar in den Höhen sauber und in den Trillern weich und trotzdem kräftig, doch in den Tiefen gerät er in Schwierigkeiten. Das äußert sich vor allem in einem zu langsamen Tempo und gewissen Unfeinheiten in den Übergängen. Statt packende Leidenschaft und italienische Spritzigkeit zu entfachen, stellt sich ein Ungleichgewicht ein: Alfredo mag es „piano, piano“; auch darstellerisch wirkt er gehemmt. Violetta hingegen prescht nach vorn und erscheint als Umworbene mit den Zügeln in der Hand. Das kann nicht lange gut gehen: Die kranke Violetta wendet sich vom Geliebten ab – auf Geheiß des Schwiegervaters. Sie braucht einen reichen Mann, der ihre Medikamente finanziert, und der Vater eine standesgemäße Schwiegertochter. Ausreden? Wenn es so wäre, man könnte es ein bisschen verstehen.

Wüst und sexy, wie Verdi klingen muss

Nach der Pause stellt sich ein anderer Eindruck ein: Jemand scheint dazwischengefunkt zu haben, denn jetzt gewinnt die Inszenierung an Überzeugungskraft und vor allem Energie. Das mag daran liegen, dass es dunkel geworden ist und die wenigen Requisiten im Kunstlicht als Spiegelung der seelischen Hoffnungslosigkeit Violettas verständlich werden. Außerdem gelingt es J. Warren Mitchell, einen Schalter umzulegen: Sein Tempo zieht an, die Leidenschaft steigt und so kommt auch ein bisschen Stimmung auf. Das muss vor allem der Dirigentin Sibylle Wagner gefallen: Ihr Orchester wirkt nun geschlossener, präziser, eben ein bisschen wüst und sexy, wie Verdi stellenweise klingen muss.

Auch Frank Matthus lässt sich mehr einfallen und projiziert, hinter einem rauschhaften Körperreigen von Playboy-Bunnys, leidenschaftliche Figurentänze in Übergröße in den Wald. Das funktioniert ausgesprochen gut. Auffallend ist neben Violettas tadelloser Stimme vor allem der Bariton Alejandro Lárraga-Schleskes, der als fieser Vater Giorgio in dickem Wollmantel mit Pelzkragen auftritt: ein Mann, ein Schrank. Mit einer tief wurzelnden, klar timbrierten und ins Herz stechenden Stimme. Kein Wunder, dass Violetta seinen Weisungen bedingungslos folgt. Auch die 1986 geborene Irina Maltseva als Freundin Annina, die sich in reizenden Kostümen keck auf der Bühne zu präsentieren versteht, begeistert mit ihrer feinen Stimme.

Trotzdem will der Funke nicht so recht überspringen. Frank Matthus’ „Traviata“ ist solide, aber nicht mehr. Bei einem so oft erzählten Stoff wünscht man sich eine klare Haltung, prägnante Zäsuren, einen individuellen Zugang, der sich durch die ganze Inszenierung zieht. Man muss es ja nicht wie Benedikt von Peter in der letzten Spielzeit in Bremen machen und Violetta ohne Personal auftreten lassen, um zu zeigen, wie im Online-Dating-Zeitalter der Narzissmus das altbewährte Konzept der Liebe gefährdet. Man kann ja ruhig an die Liebe glauben. Aber dann muss es gelingen, Gefühle so aufeinander loszulassen, dass es knallt. In Rheinsberg knistert es nur

Weitere Aufführungen am 18., 19., 21. und 22. August

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