"Lärm und Wälder" von Juan S. Guse : An dünnen Seilen über unsicherem Grund

Vom Leben nach der Zivilisation: Open-Mike-Preisträger Juan S. Guse veröffentlicht seinen ersten Roman „Lärm und Wälder“.

Nico Bleutge
Der Autor Juan S. Guse
Der Autor Juan S. GuseFoto: Jörg Steinmetz

Wo die Dinge „wie in einer Zentrifuge nach außen gekämmt“ erscheinen, möchte man sich am liebsten zurückziehen. In eine umzäunte Wohnwelt vielleicht, mit eigenen Straßen, Häusern und Grünflächen, mit Einkaufszentren, Schulen und Gebäuden für die Verwaltung. Und mit Eingangskontrollen und einem Sicherheitsdienst, der seine Waffen im Notfall einsetzen darf. Nordelta ist eine solche Welt, eine Welt, die einem das Gefühl vermittelt, alles „sei auf eine Weise unmissverständlich“.

Eine wunderbare Dystopie, so scheint es. Doch wer mit dem Finger auf der Karte – oder genauer: wer im Internet zu suchen beginnt, wird überrascht feststellen, dass dieses Nordelta gar keine Erfindung ist, sondern wirklich existiert – als eine argentinische Gated Community in der Provinz Buenos Aires. Die Überraschung wird noch größer, wenn man nach der Suche zurückkehrt ins Buch und dort erneut Verschiebungen ausmacht: Nachbarschaften, die es im vorhandenen Nordelta gar nicht gibt, Gebäude und Anlagen wiederum, die auf den digitalen Plänen verzeichnet sind, im Nordelta des Romans aber fehlen.

Die Welt, um einen Meter verschoben

Juan S. Guse, 1989 geboren, hat die Schraube der Imagination ein wenig tiefer eingedreht, als es die ersten Bilder von Nordelta glauben machen wollen, er hat die tatsächliche Welt weitergedacht und um ein paar Jahre in die Zukunft versetzt. So schreibt er sich ein in eine Tradition, die von den Büchern Jules Vernes’ bis zu Kurd Laßwitz’ „Auf zwei Planeten“ oder Alfred Döblins „Berge Meere und Giganten“ reicht – und die in jüngster Zeit in Romanen von Reinhard Jirgl oder Georg Klein, aber auch in den Büchern jüngerer Autoren wie Leif Randt oder Franz Friedrich ihre Fortsetzung gefunden hat.

„Lärm und Wälder“ ist ein Buch über das Zusammenspiel von Erfindung und vermeintlicher Realität, über das Künstliche und die sogenannte Wirklichkeit. Da mutet es fast konventionell an, dass Juan S. Guse eine Familie in die Straßen von Nordelta schickt. Pelusa und Hector leben mit ihren Söhnen Henny und Ignacio in einem der Häuser der Nachbarschaft „La Lansia“. Wenn es irgendein Problem gibt, müssen sie nur bei der Servicehotline anrufen – und eine freundliche Stimme hilft ihnen weiter: „Mein Name ist David, was kann ich für Sie tun?“

Doch dass in dieser Welt nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, wird schnell deutlich. So wirken die Dinge mitunter „wie um einen Meter verschoben“. Und immer öfter sind die Spuren öffentlicher Unruhen in der Stadt zu sehen. Auch die Figuren leben allesamt in ihrer eigenen Sphäre. Pelusa sucht nach Sinn in einer freikirchlichen Gemeinde, Hector ist ein sogenannter „Prepper“, der Vorräte hortet, von Bunkern träumt und sich so auf einen „Re-Boot“ vorbereitet, auf ein „Leben nach der Zivilisation“. Henny wiederum hat sich in der Garage sein eigenes Minilabor eingerichtet, wo er Frösche seziert, Ameisen erforscht, tatsächlich aber ein Raumschiff bauen will, um auf den Mond zu fliegen.

Die Struktur des Romans ist diesen Ideen eingepasst. In wechselnden Kapiteln und Perspektiven folgen wir den Figuren durch ihre Welten, rutschen mal an die Wahrnehmung von Pelusa, mal an jene von Hector oder Henny heran, immer im Präsens und immer in der dritten Person. Zwischen die Gegenwartsebenen sind Erinnerungsschichten geschnitten, in denen uns ein früherer Lebensgefährte etwas aus seiner Vergangenheit mit Pelusa erzählt, von einem Leben in den Anden, am Rand der Zivilisation. Schon einmal hat Pelusa sich aus der vermeintlich bedrohlichen Wirklichkeit zurückgezogen, schon einmal ist eine Beziehung am Kontrollzwang des Partners zerbrochen.

Eine Sprache der Gedanken

„Alle Bewegungen sind wie an dünnen Seilen geführt“, heißt es irgendwo. Und so ähnlich kann man sich die Sprache dieses Romans denken. Es ist über weite Strecken eine ruhige Art der Beschreibung, ein Sprechen „im selben Ton“, wie Hector an anderer Stelle meint. Ein Sprechen, das die Gedanken der Figuren eher spürbar macht und zeigt, als sich an grobe Aussagen zu verlieren. Und das sich der Kraft der Einzelheiten anvertraut, hier das Rauschen einer Kühltruhe festhält, dort das „gespenstische Flüstern“ von ein paar Menschen im Aufzug.

Und während die Unruhen an Nordelta heranrücken, verkriecht sich Hector in seiner eigenen Welt. Am Ende spannt Juan S. Guse seine dünnen Seile noch einmal anders auf. Das mag ein wenig konstruiert wirken.

Trotzdem gelingt es ihm, die geheimen Affinitäten von Gegenwart und Zukunft erkennbar werden zu lassen. Die Verwerfungen der Gesellschaft, die sozialen Spaltungen und ökonomischen Paradoxien – und die Verknotungen, die sich daraus für die Psyche der Menschen ergeben. Wie Pelusa einmal vermutet: „Als ob diese Dinge irgendwie miteinander in Verbindung stehen würden, als ob es ein logisches Band zwischen ihnen gibt.“

Juan S. Guse: Lärm und Wälder. Roman.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2015. 317 Seiten, 19,99 €.

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