Kultur : Land ohne Gott und Gebote

Willem Wansink

Neun Tage haben die Niederlande getrauert um Pim Fortuyn, den Anti-Politiker der zum Shooting-Star wurde. Seitdem der Anführer der Liste Pim Fortuyn ermordet wurde, ist die Hölle los. Bei den heutigen Parlamentswahlen könnte seine Bewegung auf Anhieb die größte Partei werden. Kein Dramaturg hätte sich ein groteskeres Szenario ausdenken können für den Aufstieg und Fall dieses politisch inkorrekten Homo ludens.

Der eitle Soziologieprofessor und ehemalige Kolumnist der Wochenzeitung Elsevier gerierte sich als Anti-Establishmentfigur und handelte nach dem Führerprinzip. Er war die Partei, und die Partei war er. Der Paradiesvogel hatte kein Programm, keine konsistente Theorie. Er holte sich, was ihm gefiel, aus dem Korb aller politischen Ideologien. Er sagte, was viele dachten, aber nicht artikulieren durften, weil die rational geprägte, politisch korrekte Elite nicht sehen wollte, was in den sozial schwachen Vierteln los war.

Allochtonen-Alarm

Was ist los in den wie von einem Blitz getroffenen Niederlanden? Was verbirgt sich hinter dem Bild der als vorbildlich empfundenen, calvinistisch geprägten Gesellschaft, wo jeder, wie in Schweden, doch aufgeklärt, liberal und multikulti sein sollte?

Das Land befindet sich im Umbruch. Eine verwirrende Atmosphäre ist entstanden, vergleichbar mit dem mythisch-religiösen Empfinden, das sich in England nach dem Tod von Lady Di verbreitete. Genau wie damals begleiteten tausende Anhänger und Sympathisanten ihren Prins Pim auf der letzten Fahrt durch Rotterdam. In wenigen Monaten waren sie in seinen Bann geraten. Die Medien machten ihn zur Kultfigur, er wurde zur Popikone, zum Erlöser der Niederlande.

Nun ist das Phänomen der gemäßigten Hysterie den Niederländern nicht fremd. Nacheinander musste das Land mehrere traumatische Ereignisse über sich ergehen lassen, die die verwöhnte Psyche zutiefst erschütterten (Srebrenica, Enschede, 11. September). Dem eitlen Fortuyn gelang es, das Gefühl der kollektiven Lähmung auf die Politik umzulenken. Er machte die maroden Teile des politischen Systems verantwortlich für das Leiden seiner Landsleute. Damit inspirierte er zahlreiche Nicht-Wähler.

Wie Fortuyn hatten seine Anhänger Angst vor der wachsenden muslimischen Gemeinschaft in einer weithin säkularisierten Gesellschaft. Dass der Name Mohammed für neugeborene Jungs der populärste im Amsterdammer Taufregister ist, beunruhigte genauso wie die immanente Intoleranz des Islams.

Aus dem Minderheitenbericht des regierungsnahen Sozialen und Kulturellen Planungsbüros der Niederlande geht hervor, dass die Zahl der ausländischen Minderheiten rasch ansteigen wird und bereits 2015 die Zwei-Millionenmarke überschreitet. Dann werden zwölf Prozent der Bevölkerung aus diesen Gruppen stammen, und mehr als die Hälfte der Bevölkerung in den Großstädten Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht Allochtonen sein. Allochtonen sind Einwohner, deren beide Eltern - oder ein Elternteil - nicht in den Niederlanden geboren sind.

Zur Zeit haben die Niederlande sechzehn Millionen Einwohner. Anderthalb Millionen von ihnen sind Allochtonen. Schon jetzt kommt die Mehrzahl der Jugendlichen und Schüler aus diesen Gruppen. Obwohl die Unterschiede groß sind, ist die Lage, dem Bericht zufolge, alarmierend. Weil allochtone Niederländer Defizite in der Entwicklung und Beherrschung der niederländischen Sprache haben, fällt es ihnen schwer, eine Stelle zu bekommen.

Das Land ist voll

Schon jetzt sind mehr als die Hälfte der marokkanischen und türkischen Männer aus der ersten Allochtonen-Generation arbeitsunfähig oder arbeitslos. Obendrein ist die Mehrzahl der in den Niederlanden Inhaftierten allochtoner Herkunft. Deshalb wollte Fortuyn die Immigration beschränken. Während er sich Gedanken machte über eine Leitkultur, erklärten die übrigen Parteien das Thema zum Tabu. Ein Erklärungsmuster lautet, dass die Niederlande das Ende einer prägenden Epoche erleben, in der Demokratie und Freiheit wie von selbst erhalten blieben, ohne andauernd verinnerlicht zu werden. Obendrein war das Land der Koalition aus Sozial-Demokraten, Konservativ-Liberalen und Links-Liberalen müde. Zu viel Konsens, zu wenig Polarisierung. Die Wähler verloren die Orientierung, sie wussten nicht, welche Partei welche Ideale vertrat. In Fortuyn fanden sie den Hoffnungsträger, den Pseudo-Erneuerer.

Obwohl es den Niederlanden wirtschaftlich betrachtet besser geht als Deutschland, ist eine beachtliche Anzahl der Einwohner verunsichert und zutiefst genervt. Sie wollen nicht andauernd im Stau auf der Autobahn stehen, im Sozialbereich sind sie die Million ausrangierter Arbeitsunfähiger leid. Sie lehnen es ab, dass von den 1,3 Millionen Kriminalitätsfällen im Jahr nur 300 000 behandelt werden. Das Land ist voll, meinen sie und statt Verschiebebahnhöfe verlangen sie Instant-Lösungen. Eine sozial-kulturelle Umorientierung findet statt, die fast revolutionäre Züge trägt. Unterschwellig ist das Land dabei, die zu weit fortgeschrittene Akzeptanz zu korrigieren. Während die geschlossene Kartelldemokratie mit ihren Seilschaften umstrittener ist denn je, endet die Ära der Babyboomer, der niederländischen 68er. Auch Fortuyn gehörte anfangs zu dieser Truppe. Er trug die gleichen anarchistischen, antiautoritären Züge wie sie, behielt aber den direkten Kontakt zum Volk. Trotz seines dandyartigen Auftretens wurde der frühere Marxist zur Leitfigur des Aussenseiters, der sich nicht völlig mit den lasziven 68ern hatte identifizieren können. Das machte ihn so attraktiv für Protest- und Wechselwähler wie für gut verdienende, eher links orientierte Vertreter der Mittelklasse. Sie alle hielten die parlamentarische Demokratie für verplombt.

Käse statt Seele

Der Aufstieg Fortuyns symbolierte die Kraft der gesellschaftlichen Kehrtwende. Paradoxerweise markierte sein Erfolg die Rückkehr zu festen Werten, ethischen Strukturen, innerlicher Zivilisation und inhaltlichen Debatten. Er brachte die Ablehnung einer überexponierten Kultur der Toleranz zum Ausdruck - das Nein zu aufdringlichem Drogenkonsum, zunehmender Kriminalität im öffentlichen Raum, Terrorisierung von Zügen, Schulen und Schwimmbädern, und einer misslungenen Integration von zwei Millionen Ausländern. Die Kultur der Liberalität ist aus den Fugen geraten. In der Praxis entpuppte sich die multikulturelle Gesellschaft als Fiktion. Soziale Akzeptanz hat sich verwandelt in Desinteresse, gleichgültiges Nebeneinanderherleben und öffentliche Ablehnung, wo hingeguckt und beherzt aufgetreten werden sollte.

Die niederländische Seele, weiß der Dichter, gibt es nicht. Der Niederländer sucht nicht nach dem Unerreichbaren wie der Deutsche. Er verkauft Käse, keine Seele. Er weiß, was er hat: ein Herz und eine Geldbörse. Niederländer benehmen sich wie die ehemaligen Kolonialhändler und spüren sofort, was in ihrem Interesse ist. Wo der frühere Amsterdamer Kaufmann von der Bibel und dem calvinistischen Pfarrer gebändigt wurde, werden beide heutzutage vermisst. Nur in diesem Vakuum, in einem Land ohne Gott und Gebote, konnte der Katholik Fortuyn hochkommen und zum wichtigsten Vertreter der Restauration werden. Mit seiner Homosexualität verkörperte er die Spaßgesellschaft und die progressive Tradition. Zur gleichen Zeit definierte er soziale Grenzen, wo Masslosigkeit zur Norm geworden war.

Sein Tod kann weder den Trend zum Altbewährten aufhalten, noch die Diskussion über die nationale Identität verhindern. Die historische Pendel schlägt zurück. Die Kulturrevolution der 68er befindet sich auf dem Rückzug. Sie begann als moralische Befreiung und endete in den 90er Jahren in eine kollektive Entgleisung des gesellschaftlichen Duldens. Wiederherstellung der klassischen Ausgangspunkte und Denkansätze: es sind genau diese Prinzipien, wofür auch die seit 1994 aus der Macht vertriebenen, modernisierten Christ-Demokraten stehen. Vermutlich wird die sanftere, christlich-konservative CDA der Nutznießer der Verwirrung, in der das Land steckt.

Noch ist unklar, wer Fortuyns Erbe antritt. Auch ohne ihn wird der Diskurs über fundamentale Werte wie Respekt, Verantwortungssinn, Bürgerlichkeit und Bescheidenheit weitergeführt. Das sehen sogar die fassungslosen Sozialdemokraten ein, die kurzfristige Anpassung forderten und Kritiker gezielt denunzierten. Der Außenseiter Fortuyn vertrat die Meinungsfreiheit: polarisierend und frech in einer verwundeten Gesellschaft. Einer harten Auseinandersetzung über einen für alle Niederländer geltenden Wertekatalog wäre er nie ausgewichen. Weil er zum Symbol einer restaurativen Kulturrevolte wurde, die das Land noch lange beschäftigen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben