Kultur : Land ohne Himmel

Thomas Großbölting liefert eine lesenswerte Religionsgeschichte der Bundesrepublik.

Manfred Gailus

Woran und wie glauben die Deutschen heute eigentlich noch? Und kann überhaupt noch von einem „christlichen Land“ gesprochen werden? Diese und viele weitere Fragen im Kontext von Glaube, Kirchen und Religion in Deutschland nach der Katastrophe des Nationalsozialismus verfolgt der Münsteraner Historiker Thomas Großbölting in seinem materialreichen Buch, mit dem er zugleich die erste moderne Religionsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland liefert. Die Grundthese ist eindeutig und wenig überraschend: Wer die Glaubensgeschichte der Deutschen im vergangenen Halbjahrhundert untersucht, wird einen eklatanten Bedeutungsverlust des Religiösen vorfinden. Ungeachtet der in jüngster Zeit verbreiteten, modischen Rede von einer angeblichen „Wiederkehr der Religion“ kann im Blick auf die vergangenen fünf bis sechs Jahrzehnte der wissenschaftliche Befund nur lauten: eine tief greifende Säkularisierung hat stattgefunden, der einst weithin geglaubte „Himmel“ ist verloren gegangen. „Ein ‚christliches Deutschland’“, so sagt der Autor pointiert in seiner Einleitung, „gibt es nicht mehr.“ Gleichwohl sind Glaube, Kirchen und Religion nicht aus dem Leben der Deutschen verschwunden, aber sie haben sich insgesamt verdünnt, sie sind mehr an den Rand geraten, und sie sind im Leben der vielen ganz oder weitgehend abwesend.

Diese Transformationen des Religiösen schildert der Verfasser in drei Kapiteln mit den angemessenen Differenzierungen: frühe Nachkriegszeit und „Ära Adenauer“, eine fast schon archaisch anmutende Zeit, in der die alte christlich- kirchliche Welt noch halbwegs in Ordnung schien; sodann die tiefe Zäsur der „Swinging Sixties“, die dynamische Lebensstilrevolution einer jungen Generation mit Beatles, Minirock, Karl Marx und dem rebellischen Zeitgeist von ’68. Das war eine bewegte Epoche, die religionsgeschichtlich einen scharfen Abbruch religiöser Sitte und Tradition markierte. Schließlich drittens die jüngsten Jahrzehnte, als sich die kirchlichen Strukturen der beiden großen Konfessionen, die einst das religiöse Monopol besaßen, weiter auflösten und das Land mehr und mehr begann, Konturen einer multireligiösen Gesellschaft anzunehmen. Das unaufhaltsame Anwachsen der „Konfessionsfreien“ zu einer dominanten Größe in den Konfessionsstatistiken, die wachsende Präsenz eines islamisch geprägten Bevölkerungsanteils, vielfältig-bunte und oft kurzlebige, neureligiöse Bewegungen gehören zu den prägenden Signaturen der jüngsten Phase. „From Church to Choice“, von der im Selbstlauf vererbten Konfessionszugehörigkeit zur individuellen Wahl von Glaube und Konfession – so ließe sich dieser dramatische Wandel charakterisieren.

Man wird den im Detail sehr viel differenzierter vorgetragenen Grundlinien dieses lesenswerten, flüssig geschriebenen Buches kaum widersprechen wollen. Unübersehbar ist freilich die katholische Brille, die der Autor nun einmal trägt und die bewirkt, dass manche Dauerprobleme und auch offenkundig Skandalöses im katholischen Kirchenmilieu allzu glimpflich davonkommen. Dass ein Name wie Rolf Hochhuth („Der Stellvertreter“, 1963) in diesem Buch nicht vorkommt, ist kaum zu rechtfertigen. Auch handelt es sich tatsächlich eher um eine Studie über Westdeutschland, die abweichende religiöse Entwicklung im Osten wird nur einmal gegen Ende knapp und insgesamt stiefmütterlich behandelt. Überdies wird der lange Schatten des Nationalsozialismus und namentlich die problematische kirchliche Performance beider Großkonfessionen 1933–1945, ein abgedunkelter Komplex, der jahrzehntelang schwer lastend über beiden Nachkriegskirchen lag und teilweise noch liegt, viel zu wenig berücksichtigt. Gleichwohl kann dieser erste Versuch einer umfassenden Religionsgeschichte der Deutschen seit 1945 als gelungen gelten und als gut informierende Übersichtlektüre empfohlen werden.

Thomas Großbölting: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013. 320 Seiten, 29,99 Euro.

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